Reiseebericht Türkei, 1. Teil

Kusadasi - Hunderttausende besuchen diese Stadt heutzutage. Sie steigen irgendwo in Deutschland in ein Flugzeug und sind nach längstens vier Stunden in Ihrem Hotel an der türkischen Ägäisküste. Großartig!

Sind Sie jemals mit dem Zug in die Türkei gefahren? Genau 7.000 Kilometer hin und zurück mit Bahn und Bus bis zu einem kleinen Hotel im Süden von Kuşadası? Nein?

Damals, 1966, war es noch etwas exotisch, eine Reise in die Türkei zu planen. Es gab hier zwar schon etliche türkische Gastarbeiter, der Deutsche machte sich als Tourist in der Türkei jedoch noch ziemlich rar. Das Land war für die meisten zu weit weg, zu fremdartig. Es galt als scheinbar unterentwickelt und hatte eine völlig andersartige Sprache und Kultur, war bestimmt heidnisch und sicher bei der nächsten Beichte zu erwähnen. Und den Bürger schreckte immer noch der Goethe-Text: „Wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen...“. Nein!

Bevorzugte Ziele unserer Landsleute waren damals, wenn man überhaupt die Landesgrenzen überschritt, Österreich, Italien und Spanien. Dort verstand man sie. Ganz Mutige trauten sich bis nach Mallorca vor. (Dessen Name von den meisten wie geschrieben ausgesprochen wurde, einige sprachen ihn so aus, dass man meinte, von russischem Tabak zu hören – Machorka.) So richtig polyglott waren wir eben in den sechziger Jahren noch nicht...

Nur wenige Menschen entdeckten in dieser Zeit für sich das herrliche Land, das auf zwei Erdteilen siedelt – die Türkei mit seinen außergewöhnlich liebenswürdigen Bewohnern und seiner grandiosen Kultur.

Ich machte mich damals, am 27. August 1966, mit meinem Freund Rolf mit dem Zug auf in die Türkei. Vielleicht hätten wir auch das Flugzeug nehmen oder über Touropa eine Pauschalreise buchen können. Das war uns jedoch zu teuer. Sintemalen man auf diese Art des Reisens ein Land am wenigsten kennen lernt.

Das Flugticket von Deutschland bis Istanbul kostete damals ziemlich genau 1.000.- DM (etwa 510 Euro). Das war mehr Geld, als die meisten Deutschen anno 1966 im Monat netto verdienten. Der Eisenbahn-Fahrschein von Gelsenkirchen Hbf nach Istanbul Sirkeci kostete Rolf hingegen nur 310.- DM (ca. 158 Euro) für die Hin- und Rückfahrt. Meine Fahrscheine kosteten nichts, weil ich als Mitarbeiter der damaligen Deutschen Bundesbahn im Rahmen eines Austausches Freifahrten erhielt. Meine Fahrscheine habe ich am Ende dieses Berichtes abgebildet.

Warum wir ausgerechnet die Türkei als Reiseziel wählten, hatte mehrere Gründe.

Auf Korsika trafen wir 1964 einen Globetrotter, der uns von dem Land viele Dinge erzählte, uns neugierig machte und beiläufig erwähnte, dass man dort „für eine Mark sechzig essen kann, bis man vom Stängel fällt“. Außerdem wollten wir fremde Länder und Kulturen kennen lernen. Ferner kam uns bei stets klammer Kasse die Preiswürdigkeit sehr entgegen. Sechsundzwanzig Tage Urlaub kosteten uns daher auch nur rund 700.- DM (rund 357 Euro). Inklusiv aller Fahrkarten, Rauchwaren, Speisen und rotem Sekt am Strand.

So eine Reise wollte gut vorbereitet werden: Die Pässe mussten zur Erteilung der Visa den Botschaften Jugoslawiens und Bulgariens vorgelegt werden. Devisen waren zu beschaffen; für 1.- DM gab es 2,78 Türkische Pfund. (Der US-Dollar kostete 3,96 DM, das britische Pfund war für 11,09 DM zu bekommen.) Die wichtigsten Wörter in Türkisch mussten gelernt und Platzreservierungen besorgt werden. An eine ausreichende Menge an Fotomaterial war zu denken.

Als das alles getan war, konnten wir endlich am 27. August 1966 aus Gleis 1 in Gelsenkirchen Hbf um 6.22 Uhr mit dem D 1304 nach München abfahren, um dort in den D 103 „Tauern-Orient“ nach Istanbul umzusteigen.

 

Gelsenkirchen Hbf, ca. 1960, Keramikfliese      

Gelsenkirchen Hbf in den 60er Jahren, © Uhlenhorst gegr. 1849, Keramikfliese

(Leider wurde dieser historische Bau in den 70er Jahren der Abrissbirne geopfert.)

 

Wir wählten bewusst diese Verbindung. Statt des D 1304 hätten wir auch die Kurswagen des D 456 (Hellas-Express) direkt ab Gelsenkirchen nach Istanbul benutzen können. Das wollten wir nicht, weil das Wagenmaterial unseren Vorstellungen nicht entsprach. Auf die Reservierung von Liegewagenplätzen in dem D 103 ab München hatten wir verzichtet, weil wir der Überzeugung waren, die Sitze in unserem Abteil ausziehen zu können, wie es bei den modernen Fahrzeugen der Fall war. So konnte man sich selbst bei einem ausgebuchten Abteil aneinander vorbei ganz gut entgegenstrecken und etwas schlafen; stets vorausgesetzt, dass die Füße des Gegenübers gewaschen waren.

Natürlich klappt nicht immer alles so wie vorgesehen. Ich ließ meinen Fotoapparat auf einer Fensterbank der elterlichen Wohnung liegen, was sich später bitter rächen sollte. Immerhin hatte Rolf seine Kamera mit Zubehör und einem ordentlichen Vorrat an Diafilmen dabei.

Die Wagen des D 103 erwiesen sich als genau so vorsintflutlich wie die des D 456; der "Tauern-Orient" war nun doch kein "Orient-Express", der als Luxuszug vergangener Epochen Istanbul mit den Metropolen Mitteleuropas verband. Es waren zwar Abteilwagen in dem Zug, allerdings solche, die acht Sitzplätze beherbergten, die außerdem nicht ausziehbar waren. Das bedeutete für Rolf und für mich, dass wir über 42 Stunden im Sitzen zubringen mussten, dass an halbwegs richtigem Schlaf überhaupt nicht zu denken war.

Immerhin hatten wir in München etwas essen können. Wir hofften auf einen halbwegs leeren Zug, denn wer fährt schon mit der Bahn von Deutschland auf den Balkan? Wir rüsteten uns für die lange Reise mit einem vernünftigen Vorrat an Zigarren und etwas Rotwein aus und verließen pünktlich auf die Minute mit einem restlos ausgebuchten D 103 den Münchener Hauptbahnhof in Richtung Österreich, Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland nach Istanbul. Unser Achtplatzabteil mussten wir mit sechs in Urlaub fahrende Türken teilen, wie auch der Rest des Zuges überwiegend in türkischer Hand zu sein schien.

An Essbarem hatten wir nichts mitgenommen, denn das Frühstück wollten wir in Belgrad zu uns nehmen. Dort sollte unser Zug von 8.18 Uhr bis 9.18 Uhr eine Stunde Aufenthalt haben. Wegen einer Verspätung, die wir uns nachts irgendwo zwischen Ljubljana und Zagreb wegen einer qualmenden Bremse eingehandelt hatten, wurde jedoch nichts aus dieser großen Pause. Bis auf einen Zeitungsstand waren außerdem wegen der frühen Morgenstunden dieses Sonntags im Hauptstadtbahnhof Jugoslawiens alle Geschäfte geschlossen. Die kommunistische Planwirtschaft Jugoslawiens hatte eine Versorgung ankommender Reisender mit Lebensmitteln zu dieser Uhrzeit nicht vorgesehen. Allerdings konnten wir Ansichtskarten schreiben.              

  Poststempel Belgrad 1966

Poststempel der Karte: Beograd 28.VIII. 66

Die Zigarren waren gut, machten aber nicht satt. Das besorgten unsere türkischen Mitreisenden, die mit inniger Fürsorge aus jedem einzelnen Wagen zu uns kamen und uns Essen und Getränke brachten: Tomaten- und Fleischsalate, Säfte, Gebratenes, Obst und Brot. Freigebig überreicht mit einem freundlichen, warmherzigen Lächeln.

Wir sangen auf dem Seitengang tanzend gemeinsam Lieder zu einem tragbaren Plattenspieler, auf dem meistens eine Schallplatte mit dem Titel "Tourist" Runde über Runde drehte. Das Lied schilderte die Situation eines türkischen Gastarbeiters, der unter dem Vorwand Tourist zu sein, illegal nach Deutschland einreisen wollte, was aber bei der Grenzkontrolle auffiel. "Tourist" war mithin der Refrain der ihn abweisenden Grenzbeamten und offenbar der Megasong der türkischen Hitparaden. Und wiederholt mussten wir jedem unserer liebenswürdigen Gastgeber erklären, warum wir bei ihnen im Zug waren, wo es für uns "reichen Deutschen" doch das Flugzeug gäbe... So waren wir die Exoten in diesem Zug. Wir hatten während der Fahrt eine herrliche Zeit gehabt, die wir nie vergessen werden.

Die Landschaften der Balkanländer links und rechts der Bahnstrecken zeigen überwiegend gebirgige, schroffe Zonen, die immer wieder von weiten, fruchtbaren Gebieten unterbrochen werden. Flüsse weisen den Weg. Entlang der üppigen, kurvenreichen Täler von Save, Morava, Nisava und Marica schlängelt sich der Zug langsam dahin, jeden Schienenstoß mit lautem Geklapper scheinbar unendlich oft wiederholen zu wollen. Auf den Feldern steht die erntereife Frucht, und die Bauern beugen sich über die Gaben der Natur. Mühevoll quält sich der "Tauern-Orient" durch die Hitze des Tages und die Einsamkeit der dunklen Nacht dem südöstlichen Ende Europas entgegen.

Das Treiben auf den Bahnhöfen ist überall gleich. Je weiter man in Richtung Süden fährt, um so mehr gewinnt der Bahnhof an Bedeutung als Zentrum des Lebens, als Treffpunkt und Ereignisort. Wenn der internationale Zug - immerhin ein Nachfahre des berühmten Orient-Express' - einfährt, versammeln sich die Neugierigen, schauen, staunen und begutachten still. Andere empfangen laut und mit Freude oder verabschieden mit Wehmut Gäste. Manche wittern ein schnelles Geschäft und bieten an den geöffneten Zugfenstern laut preisend in unverständlicher Sprache hastig ihre Waren feil. Flüchtig begegnen sich Blicke Fremder. Ungeduldige Kinder zerren an den Armen ihrer Mütter. Irgendwo kreischen die Bremsen eines Zuges und Lautsprecher kündigen Wichtigkeiten an; eine Trillerpfeife morst Kommandos durch die vor Hitze flirrende Luft. Uniformierte stellen hahngleich selbstbewusst das Gepränge ihrer Kleidung zur Schau. Pralles Leben! Wenn die Türen geschlossen sind und der Zug sich mit der schnaubenden Dampflok schleppend und widerstrebend in Bewegung setzt, entfernen sich gemächlich jene, die gekommen waren, um einen Blick auf die fremde Welt zu werfen. Auf dem Bahnhof kehrt das normale Leben wieder ein, die Leute gehen davon - bis zum nächsten Tag. Die Fenster der Waggons werden zögernd wieder geschlossen. Nachdenklich fahren die Reisenden davon, hinaus in die Ferne, einer anderen Station entgegen. Es kehrt auch in den Abteilen wieder Ruhe ein. Gewinn des Weges durch Verlust an Zeit...

Die ersten überschäumenden Stunden sind längst vorbei. Städte wie Belgrad und Sofia sind hinter unseren roten Schlussleuchten verschwunden. Die Fahrt scheint endlos zu dauern. Tiefe Mattigkeit greift um sich. Ein jeder versucht auf seine Art, Schlaf und Entspannung zu finden: lang auf dem Seitengang ausgestreckt, verrenkt auf dem Boden des Abteils liegend, in den Polstern der Sitze sich krümmend, unbewusst den Kopf stützend an eine fremde Schulter gelehnt. Jeder auf seine Art.

Zum Morgengrauen hat der Rhythmus des Zuges die Reisenden wieder geweckt. Es wird sich gereckt und gestreckt; die geschundenen Gliedmaßen verlangen nach Sauerstoff. Gähnend schauen die Opfer der Nacht aus verquollenen Augen orientierungslos in den Dunst des frühen Morgens. Erste Zigaretten qualmen und Gesprächsfetzen werden laut. Die Stimmung steigt, es wird gescherzt. Botenstoffe haben Geist und Körper signalisiert, dass bald Istanbul erreicht wird. Ziel oder Etappe? Schon lange vorher kündigt sich vorbeifliegend das Herannahen dieser Metropole an. Zuerst erscheinen Hütten, teils aus Wellblech, teils aus metallenen Reklametafeln oder Brettern gefertigt; dieses sind die Unterkünfte derer, die gewohnt sind, am Rande einer Stadt und einer Gesellschaft ihr Dasein zu fristen. Nur zögerlich, nach etlichen Kilometern erst, verschwinden diese elenden Behausungen und Häuser erscheinen und das Meer aus Stein kündigt die große Stadt an. Erstmals gelingt es uns, einen kurzen Blick auf ein Stück Küste zu werfen.

Die Batterien des lärmenden Plattenspielers hatten bereits nach einigen lauten Betriebsstunden noch in Österreich die Energiezufuhr unwiderruflich eingestellt. Es wäre sonst für Rolf und mich genau jetzt der Anlass gewesen, noch einmal dem Lied von dem Touristen zu lauschen, mit unseren lieben Mitreisenden zu singen, um uns auf das vorzubereiten, was uns unmittelbar bevorstand: Die Ankunft als Touristen in der Weltstadt Istanbul.

Fortsetzung 2. Kapitel: Istanbul

 

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(Den vollständigen Bericht können Sie in meinen Büchern lesen)