Das Trojanische Pferd

 

Der Trojanische Krieg fand nicht statt!

Troja - Homer - Schliemann


von Heinz Albers


Vorwort

Der Historiker Johann Wilhelm Finkeisen schrieb im Jahre 1832:
"...griffen die wenigen Schriftsteller des Abendlandes aus dem, was ihnen vom Alterthume bekannt werden mochte, einzelne Momente auf, und brachten sie auf die verkehrteste Weise mit ihren Zwecken in gewisse Beziehung."

Aus diesen so überlieferten und interpretierten Schriften nährten unsere Dichter und Denker bis zum 17. und 18. Jahrhundert ihr Wissen und versuchten sich an dem Stoff, okkupierten die Namen und Geschehnisse für ihre Zwecke, leisteten aber keine Aufklärung hinsichtlich der Wahrhaftigkeit; sie engten vielmehr den Wissenshorizont der Menschen, die sich aufmachten erstmals seriöse Forschung zu betreiben, ungewollt ein und beeinflussten damit das Denken der nachfolgenden Generationen. Der Fokus strahlte ausschließlich auf die scheinbar unumstößlichen Kriegsgeschichten um Troja, ohne wenn und aber. Der Blinde führte den Blinden. Und eines dieser Opfer war Heinrich Schliemann, der den Homer Wort für Wort auslegte - wie der Zeitgeist es befahl.
Europa war im Trojafieber. Selbst der mittelalterliche Heinrich Faust musste in Goethes Werk "Faust II" eine Zeitreise zu den Geschehnissen um Troja über sich ergehen lassen. Der arme Heinrich wurde sogar mit Helena verheiratet! Goethe versuchte außerdem, Homers Ilias mit einer "Fortsetzung" zu versehen ("Achilleis" heißt diese Peinlichkeit), scheiterte aber letztendlich.

Seit mehr als zweihundert Jahren beschäftigt die Altertumswissenschaft die Frage, ob es diesen besonderen Krieg gegeben hat, von dem der Dichter und Sänger Homer in seinen Werken "Ilias" und "Odyssee" erzählt.

Bringen wir also Klarheit in den Stoff!

Homer verbindet in seinen Epen Heldensagen aus der Zeit der mächtigen Mykener des dreizehnten vorchristlichen Jahrhunderts und Göttergeschichten späterer Zeit mit dem gesellschaftlichen (höfischen) Leben seiner persönlichen Epoche. Homers Absicht war nie, einen "echten" Trojanischen Krieg darzustellen. Troja war nur Kulisse seiner überragenden Dichtungen.

Troja liegt im äußersten Nordwesten der asiatischen Türkei, an der Meerenge der Dardanellen, auf dem Hügel Hisarlık. In der kleinen Karte von der Türkei oben links ist die Lage Trojas mit einem roten Punkt kenntlich gemacht.



Türkei und Troja
Die geografische Lage von Troja


1. Der Ursprung

Der Anlass für den Trojanischen Krieg soll laut Homer die schöne Helena, Frau des Königs von Sparta, Menelaos, gewesen sein. Sie verliebte sich unter dem Einfluss der Göttin Aphrodite in den trojanischen Prinzen Paris, Sohn des Königs Priamos von Troja.

Helena, "die schönste unter den Weibern" (Homer), war immer von vielen Verehrern umgeben. Es herrschte folglich stets eine große Unruhe im Umfeld dieser Frau, obwohl sie Königin und Mutter war. Irgendwann leisteten die Freier den Eid, ihr Werben einzustellen, das Paar Menelaos/Helena zu akzeptieren und es vor Nebenbuhlern zu schützen.

Helena und Paris flohen in ihr Lotterbett nach Troja, was Helenas gehörnten Gatten Menelaos schrecklich aufregte. König Menelaos erinnerte die Freier an ihren Schwur und zog daraufhin mit seinen Verbündeten zum Krieg gegen Troja aus, um seine untreue Frau zurückzuholen. Die Truppe wurde vom mykenischen König Agamemnon angeführt.
Für diese Befreiungs- und Racheaktion soll eine Flotte von 1.186 Schiffen mobil gemacht worden sein. Mehr als 150.000 Soldaten prallten aufeinander. (Übrigens war ein paar Jahre zuvor der Halbgott Herakles mit nur fünf Booten in Troja. Er hatte ohne viel Federlesens die Festung in Schutt und Asche gelegt.)
Ein Techtelmechtel zweier völlig durchgeknallter Personen war folglich der Auslöser für diesen gewaltigen Krieg, der um das zwölfte oder dreizehnte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung stattgefunden und zehn Jahre gedauert haben soll.

Es sah schlecht aus für die Griechen; die Niederlagen häuften sich. Nur eine geniale Finte ermöglichte Agamemnon letztendlich den kaum noch für möglich gehaltenen Sieg. Und hier galoppiert das sagenhafte Trojanische Pferd auf das Schlachtfeld, eine riesige Holzkonstruktion, die im Innern die tapfersten Krieger verbarg. Die Trojaner zogen nichtsahnend diesen Koloss in ihre Burg und berieten darüber, was mit dem Ding anzufangen sei. Einige sprachen sich dafür aus, es über die Klippen zu stoßen, andere bevorzugten, es an Ort und Stelle zu zertrümmern.  Zum Glück für die Insassen setzte sich die Gruppe durch, die das hölzerne Pferd als Opfer für die Göttin Athene bewahren wollte. Nachts verließen die Krieger um Odysseus das Pferd und öffneten heimlich die Tore der Burgmauer. Der Weg für Agamemnons Soldaten war frei.
Das Trojanische Pferd, das laut Homer "erbaut von Epeios mit Hilfe der Göttin Pallas Athene", ist ein Mythos, eine Göttergeschichte. Das hölzerne Ross hat es nicht gegeben; das wusste man schon in der Antike.

(Das seltsame Modell des Pferdes, das am Eingangsbereich Trojas steht, ist bestenfalls dafür geeignet, als Kulisse für einen schlechten Comicfilm dienen zu können. Das Pferd entspricht auch nicht andeutungsweise der Schilderung Homers. Der heute gerne benutzte saloppe Spruch, „Etwas vom Pferd erzählen“ oder der Satz „Erzähl‘ mir nichts vom Pferd!“, bezieht sich exakt auf Homers Geschichte und bedeutet nichts anderes, als dass von einer großen Flunkerei die Rede ist. Vermutlich ist dieser Satz bereits vor 2.800 Jahren geprägt worden. Während Homer die Story  um Troja dem Publikum vortrug rief es ihm nämlich zu: "Die Göttin hat beim Pferdebau geholfen. λόγος (Logo)! Mensch, Homi, erzähl uns nix vom Pferd.")

Wie wir oben gelesen haben, wurde das Ross erstens überhaupt nicht und zweitens erst recht nicht von Odysseus gebaut, wie vielfach sogar in seriösen Kreisen behauptet wird. Odysseus war nur der Kommandant der Soldaten, die sich in dem Trojanischen Pferd verborgen haben sollen.

Der Aristoteles-Schüler Palaiphatos behauptete noch im 4. Jh. v. Chr., dass das Trojanische Pferd existierte; es sei aber zu groß für die Stadttore gewesen. Die Troer hätten die Stadtmauer einreißen müssen, um das leere Pferd in die Stadt zu bringen. Durch die Lücke in der Mauer seien die Griechen in Troja eingedrungen.
Wir sehen, dass schon vor langer Zeit die Mythen Homers infrage gestellt wurden. Wenn auch Palaiphatos nur eine neue Interpretation erdichtet hatte, die mindestens so fadenscheinig wie die des Homer war, war aber der Grundstein dafür gelegt, um an Homers Geschichten zu rütteln. Dazu gehört auch die vor unserer Zeitrechnung entstandene Parodie vom "Froschmäusekrieg", die Homers Werke verhohnepiepelt.

Für einen außerordentlichen Krieg in den Jahren um 1200 oder eher um 1300 vor unserer Zeitrechnung gibt es keine Belege.
Es gab wohl mit dem Königreich Mykene eine hinreichend starke Macht in Griechenland, die sich aber mit den Menschen in dem fernen Troja kaum eingelassen hätte, standen diese doch unter dem Schutz eines noch mächtigeren Bundes, den Hethitern. Auf dessen Territorium befand sich die Stadt Wilusa, die wir heute Troja nennen. Außerdem waren Koalitionsbildungen im Vielvölkerstaat der Achäer nicht denkbar. Die damalige Welt wurde von den Ägyptern, den Hethitern und den Assyrern beherrscht. Einen organisierten Flächenstaat "Griechenland" gab es zu dieser Zeit nicht. Die vielen "Königreiche" und Provinzen Griechenlands waren nur mehr oder weniger kleine Stadtstaaten,  ja oft nur Dörfer in einem ungeordneten bäuerlichen Umland und kleine Inseln, die sich gegeneinander bekriegten. Eine Armada von mehr als 1.100 Schiffen aufzubieten wäre schlicht unmöglich gewesen.



2. Homer und die Götter


Wir wissen nicht, ob der Autor der Geschichten, die sich um Troja und Odysseus ranken, Homer, je gelebt hat. Vielleicht war es eine Gruppe von Dichtern, die die von alters her von Wandererzählern weitergegebenen Sagen und Märchen um Helena und Paris, Agamemnon, Achilles und Priamos, um Odysseus und Athene aufgeschrieben haben? Der Sänger Homer konnte das nicht, denn er war des Schreibens unkundig und angeblich sogar blind. Immerhin wurden dem Abendland mit den Epen „Ilias“ und „Odyssee“ einzigartige, wunderbare und unvergängliche Geschichten in die Wiege gelegt. Die Autorenschaft ist hierbei nachrangig. Die Weltliteratur wäre ohne diese Werke ärmer. Der Homer-Forscher Prof. Joachim Latacz schrieb dazu: "Die Ilias bliebe ein literarisches Meisterwerk, auch wenn der Troianische Krieg nie stattgefunden hätte."
Heute rühmen sich viele Städte (u. a. Izmir, Ithaka und Athen) etwas unkritisch "Geburtsstadt" des Homers zu sein.

Etwa um 800 v. Chr., also etwa 500 Jahre nach dem Troja-Ereignis, sollen diese homerischen Werke entstanden sein. Danach wurden sie weiterhin lange Zeit nur mündlich überliefert und erst viel später schriftlich fixiert, erst als der Papyrus in Griechenland bekannt wurde. Das war im 5. Jh. v. Chr. (Zuvor meißelte man Texte in Stein, brannte sie in Ton oder ritzte sie in Wachs- oder Bleitafeln. Erst ab dem 2. Jh. v. Chr. stand Pergament zur Verfügung.)
Eigentlich ist es erstaunlich, dass der Papyrus so spät nach Griechenland kam. Auf der Insel Kreta war die Benutzung alltäglich. Und in Ägypten war dieser bereits sehr lange bekannt (der Papyrus des Ptahhotep entstand um 2700 v. Chr.). Die Lösung ist recht einfach: Das Land war überwiegend von indogermanischen, eingewanderten Bauern besiedelt, die keine Veranlassung hatten, frühzeitig eine Schrift zu entwickeln oder sich eine bestehende anzueignen. Das Gedächtnis der Menschheit ist die Schrift. Die vor tausend Jahren geschriebenen Bücher können wir heute noch lesen. Das gilt auch für die noch älteren Hieroglyphen der alten Ägypter. (Was wir jedoch nicht mehr lesen können, sind Dateien, die vor zwanzig Jahren auf technisch revolutionäre Floppy Disks geschrieben wurden. Diese Daten sind für alle Zeit verloren, denn kein Computer kann sie mehr entziffern.) Hätten die alten Griechen uns beschriftete Papyri hinterlassen, läge ihre früheste Existenz nicht so sehr im Dunkeln.
Bis zur Einführung des Papyrus' gab es daher nur die mündliche Vermittlung. Die Fehlerhaftigkeit und Sinnentstellung durch Weglassen, Hinzufügen oder Ändern von Textteilen kennen wir alle aus dem Kinderspiel "Stille Post". Man stelle sich das Resultat einmal mit 800 Buchseiten vor, die über 12 Generationen nur mündlich weitergegeben werden...

Der bedeutende Schweizer Historiker Jacob Burckhardt (1818 - 1897) schrieb in seiner Griechischen Kulturgeschichte: "Leider sind die Griechen, sobald sie nur schreiben konnten, ein Volk von Fälschern gewesen." Der Philosoph Sokrates (469 - 399 v. Chr.) meinte sogar im Gespräch mit Platon, dass die Werke Homers Lügenmärchen seien. Der Philosoph Alkinoos (2. Jh.) war überzeugt, dass die Götter die Zerstörung Trojas nur beschlossen hätten, damit Homer die Gelegenheit bekam, darüber zu berichten.

Frühe prähistorische Einwanderer brachten vermutlich ihre elementaren Naturdämonen, eigenen Götzen und ihren Geister- und Seelenglauben mit nach Griechenland: Sonnen-, Mond-, Mutterkult-, Baum- und Fruchtbarkeitssymbole standen im Vordergrund. Von den Hurritern kam das Götterpaar Teschup und Hepat, das vielleicht Vorbild für den Wetter- und Lichtgott Zeus wurde. Im Gegensatz zu Ägypten und dem nahen Kreta waren auf dem griechischen Gebiet einheitliche Gottheiten zunächst nicht etabliert. Die mykenische "Religion" dominierte später die Ur-Religion der Griechen und gab für weitere Entwicklungen den Anstoß.

Die Menschen bemerkten jedoch, dass sie Götter brauchten. Wer sollte denn sonst die Verantwortung für den Unfug und das Gute das auf der Erde geschah tragen? Wer sollte das Schicksal lenken, wer die Machtansprüche der Herrschenden sichern?
Die klassische griechische Götterwelt entstand nach Prof. Werner Stein ("Kulturfahrplan") um das Jahr 1000 v. Chr. Erst zu dieser Zeit begannen die Menschen Griechenlands damit, den Himmel, die Unterwelt, die Natur, das Unerklärliche mit Übersinnlichem und zahllosen, eigenen Göttern zu füllen. Für jedes Glück und Missgeschick gab es irgendwann eine passende Figur. Die genaue Anzahl der letztendlich von den Griechen geschaffenen Götter ist nicht exakt bekannt, weil es Unmengen und große regionale Unterschiede gab. Es war eine fast unüberschaubare Schar. Der österreichische Professor Dieter Macek beweist (beim Zeus!) in dem mir vorliegenden Forschungsbericht die Zahl von 5.770 - Tendenz steigend, denn Prof. Maceks Forschungen sind noch nicht beendet. Es vagabundieren immerhin noch 2049 derzeit nicht zuzuordnende Göttergestalten durch seine Genealogie. (Zum Vergleich: Im „Martyrologium Romanum“ des Vatikans von 2004 sind 6.650 Heilige und Selige aufgeführt - und es werden ständig mehr.)
Da die hellenistische Schöpfungsgeschichte erst um 1000 v. Chr. begann, konnte es nicht möglich sein, dass die Göttin Pallas Athene ihren menschlichen Favoriten Odysseus bereits um 1300 v. Chr. während des Trojanischen Krieges und seiner folgenden Irrfahrten umsorgt haben soll, wie es uns Homer weismachen will. Madame war schlicht und einfach noch gar nicht erfunden. Das gilt auch für die übrige Mischpoke im Götterhimmel des Olymp.
Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, der um 450 v. Chr. lebte, berichtete, dass erst durch Homer und Hesiod ("Theogonie") die Götter ihre Beinamen, Ehren und Funktionen erhielten und ihre Gestalten beschrieben wurden. Vermutlich feierten auch etliche Götter ihre Geburtsstunde in der Phantasie der Sänger.
Die Griechen liebten, verehrten ihre Götter und die Geschichten, die von ihnen ausstrahlten; hatten sie sie doch selbst erfunden. Viele ihrer Erzählungen waren so erfolgreich, dass sie sogar Einzug in die Bibel nahmen:
Asklepios konnte Tote zum Leben erwecken, Euphemos konnte über das Meer laufen, Hippolytos fuhr nach seinem Tod in den Himmel empor, die Oinotropoi konnten Wasser in Wein verwandeln, Minos erhielt auf dem Berge Ida auf Kreta von Zeus die Gesetze...

Statue des Homer

(So stellten sich die Alten den Sänger Homer vor: Blind, mit einem Wanderstab in der rechten und mit einer Papyrusrolle in der linken Hand. Allerdings wurde der Papyrus erst 300 Jahre nach Homers Tod in Griechenland eingeführt.)



3. Troja und Schliemann


Der Ort hat viele Namen: Troia, Ilios oder Ilion (griechisch), Troia (lateinisch), Wilusa (hethitisch), Truva (türkisch), Troie (französisch), Troy (englisch). Wir schreiben ihn Troja.

Menschen hielten sich in der Gegend um das klassische Troja, dem hethitischen Wilusa, bereits vor fünftausend Jahren und früher auf. Die einzelnen archäologischen Schichten Trojas sind stellenweise freigelegt. Sie können anhand der Radiokarbon-Methode und anderer Verfahren zeitlich recht genau zugeordnet werden.

Datierung der einzelnen Grabungsschichten:

Troja I : 2950 – 2550 v. Chr.
Troja II: 2550 – 2200 v. Chr.
Troja III-V: 2200 – 1700 v. Chr.
Troja VI und VIIa: 1700 – 1 200 v. Chr. (Homers Troja)
Troja VIIb: 1200 – 1 000 v. Chr.
Troja VIII: 700 – 85 v. Chr. (griechische Zeit)
Troja IX: 85 v.Chr. – ca. 500 n. Chr. (römische Zeit)
Troja X: 500 n.Chr. – 14 Jh. n. Chr. (byzantinische Zeit)
(Die dreihundertjährige Zeitpause zwischen Troja VIIb und Troja VIII erklärt sich dadurch, dass Troja untergegangen und verlassen war.)

Unterhalb des Berges Hisarlik sind neue Fundstätten lokalisiert worden. Es wird weiterhin nach Spuren eines homerischen Big Bang geforscht.
Einiges ist gefunden worden. Beispielsweise der Urnendeckel-Kalender in Troja I, der scheinbare Schatz des Priamos in Troja II, das Blei-Idol (Statue einer Fruchtbarkeitsgöttin) in Troja III. Was fehlen, sind Knochen und aussagefähige militärische Gegenstände aus der Zeit um 1300 vor unserer Zeitrechnung.
Es gibt für eine Stadt, die angeblich eine zehnjährige Belagerungszeit und ein Gemetzel sondergleichen erdulden musste, kaum Skelettfunde. Brand-, Kriegs- und Erdbebenspuren sind in den meisten der freigelegten Schichten festzustellen. Die Zerstörungen von Troja VI sind von Erdbeben und nicht von Eroberungen herbeigeführt worden.

War Troja tatsächlich eine mächtige Stadt, die den Hellespont beherrschte? Oder war sie nur ein mehr oder weniger unbedeutender Marktflecken mit einer Burg? Nach den Fundstücken ist zu vermuten, dass Troja VI und VII eine orientalische, hethitische Residenz, ein Handelszentrum und sicher der größte Ort der Umgebung war. Erst 800 Jahre später, im frühen 5. Jahrhundert v. Chr., bekam Troja auch eine gewisse strategische Bedeutung, und zwar während der Perserkriege als Posten am Eingangstor zum Hellespont (heute Dardanellen).

Auch Heinrich Schliemann (1822 - 1890), der erfolgreiche und überaus reiche Kaufmann, fand in Troja nicht das, was er erhofft hatte. Er kam mit eisernem Glauben an Homer daher. Obwohl in Deutschland in fortschrittlichen Kreisen der Wissenschaft seit Friedrich August Wolf (1759 - 1824) Troja als Ausgeburt dichterischer Phantasie erklärt worden war.

Foto von Heinrich Schliemann Schliemann


Der "Schatz des Priamos", den er angeblich gefunden haben will, entpuppte sich einerseits als Ansammlung von Wertgegenständen, die lange vor der Zeit des Priamos entstanden waren. Andererseits besteht der Verdacht, dass gewisse Teile dieses Schatzes nur Auftragsarbeiten Schliemanns gewesen sein sollen, um Wert und Umfang seines Fundes künstlich zu erhöhen. Das Gold von Troja hatte Schliemann zunächst heimlich aus dem Land geschafft. Bei einem Prozess wurde er wegen des Diebstahls zu einer Geldstrafe von 10.000 Goldfranken verurteilt. Er zahlte freiwillig 50.000 Goldfranken (heutiger Kurs ca. 520.000 Euro) und gab dem Osmanischen Reich einige eher unbedeutende Stücke zurück.
Schliemann, der drei Staatsbürgerschaften besaß (die deutsche, russische und amerikanische) und fünfzehn Sprachen beherrschte, hatte "dem deutschen Volk" den Schatz geschenkt. In den Wirren des 2. Weltkrieges ist er Kriegsbeute der Russen geworden. Heute kann der vermeintliche Schatz des Priamos im Puschkin-Museum in Moskau besichtigt werden.
Schliemann sah zuerst die Schicht III und später die Schicht II als Homers Troja an. In der Schicht II befanden sich Reste einer stark befestigten Burg, die in einer Brandkatastrophe untergegangen war. Leider ging Schliemann bei seinen Ausgrabungen nicht vorsichtig zu Werke. Von ihm und seinen Hilfskräften, die mehr als 250.000 Kubikmeter Erde bewegten, wurden etliche Siedlungsspuren Trojas unwiederbringlich zerstört. Schliemanns Fehler war, dass er den Homer und vielen anderen Quellen blindlings getraut hatte; er legte die Schriften wortwörtlich aus.

Schliemanns Verdienst nach anfänglichen Fehlern ist, die außerägyptische Archäologie von der reinen "Schatzsucherei" in eine systematisch-wissenschaftliche Methodik überführt zu haben.
Viele Länder Europas feierten Schliemann als großen Entdecker. Erst spät bekam er auch in Deutschland die offizielle Anerkennung für seine Arbeit, die er ausschließlich aus seinem privaten Vermögen finanziert hatte. Bis dahin erntete Schliemann in Deutschland vor allem von einigen Philologen und auch von etablierten Wissenschaftlern nur Hohn und Spott. Dies wird damit begründet, dass die in Amtsstuben sitzenden, wohlbesoldeten Gelehrten einem Autodidakten die Fähigkeit nicht zugestehen wollten, in einem Fachgebiet ebenfalls Hervorragendes leisten zu können. 'Mischt sich dieser Amateur in die erhabenen Dinge der Wissenschaft ein', mag damals in den entsprechenden Zirkeln eifersüchtig geraunt worden sein.

Wer heute als Laie Troja besucht, wird möglicherweise enttäuscht sein. Die Fundstätten breiten sich keinesfalls üppig aus; nicht so wie beispielsweise in Ephesos, Priene oder Didyma. Vergleichsweise gering und auch nur schwer einschätzbar sind die Überreste aus längst vergangener Zeit. Eine theoretische Vorbereitung hilft bei der Orientierung und bei der Würdigung der Spuren der Geschichte. Es gibt an den wichtigsten Grabungsstätten mehrsprachige Hinweistafeln mit eingehenden Informationen, die auch etwas weiterhelfen.
Das Goethe-Zitat: „Man sieht nur, was man weiß.“, trifft hier besonders zu.



4. Die spätere Besiedelung der Küste Kleinasiens


Erst um das Jahr 1000 v. Chr. herum, nach dem Rückzug der Hethiter, besiedelte der griechische Volksstamm der Äoler die Nordwestküste Kleinasiens und die nördliche Ägäische Inselwelt. Und schon vorher kamen Menschen aus dem Osten (Phryger) und aus dem Balkan (Thraker) in diese Küstenzone Kleinasiens. Südlich davon waren Dependancen Ioniens, Mykenes und der Dorer entstanden. Das alles geschah nicht immer geräuschlos. Vor allem die von Kreta einbrechenden Dorer suchten kriegerische Auseinandersetzungen. Die meisten Neusiedler waren immerhin so klug, möglichst nur solche Gebiete zu annektieren, auf denen mit Widerstand kaum zu rechnen war. Man war aber auch nicht zimperlich bei der Landnahme: man bediente sich. Weil die Invasoren oft keine Frauen mitbrachten, wurden kurzerhand die dort lebenden geraubt. Deren Männer wurden ermordet oder für gutes Geld in die Sklaverei verkauft. Den neuen Eigentümern schien es aber durchaus ratsam, manche Orte gegen Übergriffe der Anatolier mit dicken Mauern zu schützen.

In dieser Region entwickelten sich die späteren Weltstädte Milet, Pergamon und Ephesos. Troja spielte dabei keine Rolle. Ab dann gehörte die Westküste Kleinasiens fest zum griechischen Kulturkreis, und sie wurde im Laufe der Jahrhunderte zur Wiege der Kultur Europas und zum Epizentrum des frühen Christentums.



5. Nachbetrachtung


Es gab in und um Troja zahlreiche Katastrophen und viele kriegerische Zwischenfälle; allerdings gab es keinen Krieg im Sinne von Homer. Die Volksstämme der Griechen mit ihrem Hang zur Selbstzerfleischung, die Hethiter, die Seevölker, die Perser und etliche andere Mächte hatten ihre Spuren militanter Gewalt hinterlassen. Vor allem aber heftige Erdbeben und Feuersbrünste führten zu einer wiederholten Zerstörung nicht nur dieser Stadt.
Auch wenn der Trojanische Krieg des Homer nur Mythologie und daher realitätsfern ist, so ist dennoch die Grabungsstätte von erheblicher Bedeutung, weil sie uns zeigt, wie die Menschen damals gelebt haben, welche Ereignisse sie über sich haben ergehen lassen müssen und welche geschichtliche Entwicklungen dort stattgefunden haben. Entgegen der allgemeinen Auffassung suchen die Archäologen der Gegenwart nicht nach dem Trojanischen Krieg.
Troja steht folglich zu Recht auf der Liste des Weltkulturerbes. Allerdings scheinen die Grabungen so langsam dem Ende zuzugehen. Die Wissenschaftler werden sich mehr der Analyse des bisher sichergestellten Materials widmen und sich auf das Umfeld dessen was wir Troja nennen konzentrieren. Nicht zu vergessen ist, dass die Erhaltung des Ruinengeländes, das jährlich von Hunderttausenden besucht wird, eine dauerhafte Aufgabe ist.



Troja: Verzeichnis der Groß-Sponsoren

Ohne die in der Tafel genannten Groß-Sponsoren gäbe es keine Archäologie in Troja. Wir wüssten heute nur wenig über Troja. Und das, was wir wüssten, wäre nicht wissenswert.
(Zur vergrößerten Ansicht bitte auf das Foto klicken.)


Homer hatte sich seine Fiktion, sein Märchen „Trojanischer Krieg“ und Platon, der etwa 400 Jahre später lebte, hatte sich sein mythisches Inselreich „Atlantis“ geschaffen: beides imaginäre Welten. Atlantis hat die Gegenwart bereits ad acta gelegt.
Der Trojanische Krieg wird kurz über lang folgen, denn der Trojanische Krieg fand nicht statt. Ähnlich wie in den ungefähr tausendachthundert Jahre später entstandenen Götter- und Heldenliedern der Nordischen Mythologie, den Edda-Dichtungen oder der Siegfried/Sigurd-Sage, wurden einzig in der Phantasie entwickelte Geschichten erzählt.



So ganz nebenbei: Warum wird in Troja und an anderen Stellen außerdem noch beharrlich gegraben? Der sagenhafte Goldschatz Alexander des Großen, der angeblich aus 6.000 Tonnen Gold bestehen soll, wird in der Türkei vermutet. Der reine Metallwert beträgt heute (2011) ca. 200 Milliarden Euro. Dafür lohnt es sich nach meiner Auffassung schon, nach einer Schaufel zu greifen...

© 2011 - 2016 Heinz Albers

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Diese Abbildung ist gemeinfrei und stammt von Wikipedia: Foto Schliemann.

Die Türkei-Karte ist eine freie CIA-Version.

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