Reisebericht Türkei, 3. Teil


Nun will ich an dieser Stelle etwas einflechten, was für Sie, liebe Leserin und lieber Leser nicht so wichtig ist, der Vollständigkeit halber aber nicht verschwiegen werden soll. Unser Plan war, nach dem Ausschlafen mit einer Rundreise durch die Türkei zu beginnen. Wir wollten über Ankara, Kayseri und Adana und an der Küste der Ägäis hoch wieder nach Istanbul reisen, unterwegs an Sehenswürdigkeiten möglichst oft die Fahrt unterbrechen, um auf diese Weise vieles von dem Land zu sehen. Rolf und ich waren von der großen Hitze aber derart überwältigt und von den vergangenen Strapazen noch so sehr mitgenommen, dass wir unseren Plan auf der Stelle aufgaben. Wir disponierten um, befragten unseren Hotelführer nach schönen Orten und günstigen Hotelpreisen und entschieden uns, nach Kusadasi zu fahren, einer kleinen Stadt an der Küste, südlich von Izmir, nicht weit von Ephesus entfernt.

Die Abfahrt des Busses nach Izmir, dieses sagte man uns im Hotel, war um 11.00 Uhr von einer "Otobüsleri", einer modernen Karawanserei, auf dem asiatischen Teil Istanbuls vorgesehen. Die exakte Lage des Busbahnhofs war uns nicht bekannt. Wir wollten ihn mit Hilfe des Stadtplans finden.

Rechtzeitig standen wir unausgeschlafen auf und nahmen nach einem hastigen, kargen Frühstück eine Fähre, die uns über das Getümmel des Bosporus', der Meerenge, die Europa und Asien umspült, brachte und uns an irgendeiner Anlegestelle absetzte. Hier bemerkte Rolf, als er ein Foto von dem Seeweg und der Vielzahl wild durcheinander fahrender Boote und Schiffe machte, dass der UV-Anteil der Luft sehr hoch sei und dass er bei den künftigen Aufnahmen lieber den UV-Sperrfilter vor die Optik setzen wolle. Wie sich später herausstellte, war das eine fatale Entscheidung.

Wir waren in Asien!

Istanbul, am Bosporus, 1966© Rolf Eichler

Waren wir mit der Fähre in Üsküdar oder Harem gelandet? Unser Stadtplan half uns nach der Suche des Busbahnhofs nicht weiter. Als wir im Begriff waren, uns in der heißen Stadt grandios zu verlaufen, kamen wir auf die treffliche Idee, einen vorübereilenden Passanten nach dem Weg zu fragen. Mit Englisch hatten wir wenig Erfolg bei ihm, konnten uns aber mittels der Schlüsselworte "Izmir" und "Otobüsleri" und gut gespielter Ratlosigkeit hinreichend verständlich machen. Der Angesprochene, in einem sauberen, kurzärmeligen Hemd und Krawatte, einen Aktenbündel unter dem Arm geklemmt und offenbar in Eile, verstand und bedeutete uns mit seinem freien Arm die Richtung. An jeder Schilderung einer Abbiegung knickte sich ein Teil seines Armes in die entsprechende Richtung um - er war ein orthopädisches Wunder, eine menschliche Gelenkwelle. Wir waren von seiner Akrobatik derart fasziniert, dass die wortreiche Wegbeschreibung völlig an uns vorbei ging, zumal sie in Türkisch vorgetragen wurde. Als die Knickfähigkeit des Arms keine weitere Abbiegung mehr zuließ und er uns anschaute, resignierte er, sah zum Himmel und geleitete uns innerhalb der nächsten 20 Minuten raschen Schrittes quer durch die vor Hitze glühende Stadt zu unserem passenden Schalter und zu unserem richtigen Bus. Wir hatten mit dieser spontanen Fürsorge nicht gerechnet und waren sehr angenehm überrascht. Unwillkürlich glitten unsere Gedanken ab in unsere Heimat und zu unserem Verhalten Fremden gegenüber. Der gute Mensch verabschiedete sich Hände schüttelnd von uns und ging eilends seines Weges.

Neun Stunden und fünfundvierzig Minuten sollte nach der Straßenkarte der Türkei die Reisezeit von Istanbul bis Izmir betragen. Für 605 Kilometer über gut ausgebaute Straßen eine angemessene Zeit, die wir zu akzeptieren hatten. Die geschätzte Ankunft konnten wir also auf etwa 21.00 Uhr festlegen. Die Leute im Schalter hüteten sich aber - nun merkten wir, wir waren in einem anderen Kulturkreis - irgendwelche konkreten Angaben hinsichtlich der Ankunftszeit zu machen. Vieles könne geschehen, gab man uns zu bedenken, Regen könne die Straßen unpassierbar machen, ein Defekt den Bus außer Betrieb setzen, der Fahrer erkranken und Allah... So oder so ähnlich lauteten die Auskünfte. Selbstverständlich gebe es einen Fahrplan, aber.... Inshallah!

Tatsächlich führten erklärliche und unerklärliche Phänomene zu einer Fahrzeit von 16 Stunden. Da hat man noch etwas von seinem Fahrschein.

Der betagte Bus, in dem Teile des Motors unter Abdeckhauben in der Fahrgastkabine montiert waren, bot uns genug Platz, um die Beine auszustrecken und auf eine angenehme Fahrt zu hoffen. Wir brauchten nicht zu frieren, denn von oben schweißte die Sonne Hitze auf uns herab und von vorne wärmte uns der Motorblock. Die Luft flimmerte als wir die Stadt verließen. Unsere Reisetaschen waren in dem Gepäcknetz über unseren Köpfen verstaut. An den Haltestellen gab es den üblichen Wechsel an Fahrgästen. Gelegentlich schauten auch einige Passagiere mit Hühnern vorbei. Richtig voll wurde der Bus aber nie. Die Mitreisenden suchten sofort den Kontakt zu uns oder signalisierten mit wohlwollenden Blicken stumm ihre Sympathie. Hier in der Abgeschiedenheit trafen wir Menschen, die uns herzlich zugetan waren und immer wieder die alte deutsch-türkische Freundschaft hervorhoben. Einer unserer Mitreisenden deklamierte in fehlerfreiem Deutsch Goethe und Schiller. Unser Fahrer, ein hünenhafter Kerl um die Dreißig mit kantigem Gesicht, niedriger Stirn und kurz geschorenen Haaren - sicher ein Nachfahre der Hethiter - blieb uns bis Izmir treu. Er hatte sein Möglichstes getan, uns die Fahrt abwechslungsreich zu gestalten. Er fuhr den Bus nicht, er ritt ihn. So jedenfalls sah es von unseren Plätzen aus, wie er auf der Kante seines Sitzes, die er nur mit der Unterseite seiner Schenkel knapp berührte, hockte und mit halb zugekniffenen Augen durch das Fenster nach vorne blickte und lenkte und das kariöse Getriebe peinigte.

Vermutlich um die Fahrzeit zu verkürzen oder einem Kunden einen Gefallen zu erweisen, nahm er mit unserem Linienbus hinter Bursa nicht wie vorgesehen die gut ausgebaute Hauptstraße geradeaus durch die Sümpfe nach Karacabey, sondern fuhr links über eine kaum befestigte Makadam-Straße in Richtung Mustafa Kemalpasa. Auf unserer Karte war dazu "Karawanenweg, nur in Trockenzeiten beschränkt benutzbar" eingetragen. Nun, ja, der Fahrer ist hier zu Hause, weiß in der Ödnis Bescheid und kennt die Strecke bestimmt sogar im Schlaf. Wir Touristen sollten nicht immer so naseweis sein! Was wissen wir schon?

Irgendwann verlor sich jedoch der staubige Fahrweg, er endete auf einem Bauernhof. Schluss! Unser Vehikel stand, es ging nicht weiter! Umkehren?

Ein paar neugierige Menschen kamen irritiert aus dem Gehöft und von den Feldern nebenan und bestaunten das Fahrzeug und uns.

Wolfsähnliche Hunde liefen verstört umher und heulten Furcht erregend.

Es gab ein großes und lang anhaltendes Palaver zwischen den Bauersleuten und dem Fahrer. Auch unsere Mitleidenden diskutierten untereinander lebhaft und laut, während Rolf und ich die Ereignisse interessiert und mit nahezu fernöstlicher Gelassenheit registrierten. Mit sorgsam gedrosselter Geschwindigkeit überquerten wir nach einer Weile unter dem Dirigat des Bauern einen Hühnerhof, durchfuhren vorsichtig einen mit brackigem Regenwasser gefüllten Bach und kamen irgendwann nach langer Schleichfahrt wieder auf eine staubige Piste und später, bei Belikesir, auf die richtige Straße. Gerade noch rechtzeitig, denn nun wurde es dunkel.

Ach, welch weise Propheten doch in dem Schalterhäuschen in Istanbul saßen!

Kurz nach Belikesir gab es sogar die in Aussicht gestellte Panne! Eine Bremsleitung hatte sich gelöst. Der Fahrer war aber in der Lage, dieses Malheur mit Hilfe des Schnürsenkels eines seiner Turnschuhe behelfsmäßig zu richten. Er musste jedoch alle paar Minuten den korrekten Sitz des Senkels überprüfen und ihn gelegentlich neu justieren. An der nächsten Tankstelle kümmerte man sich um den Schaden. Zwischenzeitlich war es Mitternacht und wir waren müde; der lange Tag neigte sich dem Ende zu. Um 3.00 morgens fielen wir wie besinnungslos aus dem Bus und widmeten uns im Efes-Hotel zu Izmir der Nachtruhe.

Fortsetzung 4. Kapitel: Izmir

 

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(Den vollständigen Bericht können Sie in meinen Büchern lesen)