Döneken Nr. 141 - 150


Die Döneken bis zur Nr. 120 sind in dem "Zerstörer 1-Buch" erschienen.


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Als meine Ausbildung in der Technischen Marineschule II (TMS II) nach sechs Monaten beendet war, wurde ich am 01.04.1965 von Bremerhaven aus zu meinem Bordkommando auf Reisen geschickt.
Ich war in einer freudigen Erwartung, nun endlich auf einem Zerstörer fahren zu dürfen. Auf der Tirpitzmole in Kiel angekommen wurde ich einem Deck zugeteilt. Die Heizer (MD 41-43) hatten ihr Deck achtern.
Meinen Seesack voraus schiebend ging ich an Bord. Ein großer "Deckel" war der Eingang zum Niedergang. Am Niedergang drücke ich meinen Seesack hinein ins Heizerdeck. Ich kam aber aus dem Staunen nicht wieder raus, denn dreimal kam der Sack postwendend wieder nach oben. Ich war schon richtig sauer. Beim dritten Mal kam hinter dem Seesack jedoch ein Obergefreiter mit nach oben und meinte, erst käme ich und der Seesack bliebe solange oben bis alle Neuen eingeteilt wären. Ich glaubte im falschen Film zu sein, denn davon hatte man mir auf der TMS II nichts gesagt. Doch ich war ein Rheinländer und somit nicht auf den Mund gefallen. ("Häßß do en Ratsch am Kappes? Minge Seesack!")
Mit wenigen Sätzen war ich unten. Vor mir eine "Sitzgruppe", an dem einige Kameraden eine Feier hatten. Im Deck war der Boden etwas feucht; war aber kein Wassereinbruch. Es war nur Bier. Die Bierkisten stapelten sich hinter den am Tisch sitzenden Kameraden. Nachdem ich mich vorgestellt hatte wurde ich erst einmal belehrt, wie eine Meldung im Deck vorzunehmen sei. Also: "Gefreiter Peter Buderath, melde mich ins Heizerdeck." Ein kräftiger Obergefreiter, genannt "Atos", machte mir dann klar, dass ich zuerst mal meinen Einstand zahlen müsse.
Fünfzig DM kamen von mir dann rüber - mein letztes Geld. Auf meine Frage, wann ich das Wechselgeld von 45.- DM zurück bekommen würde (eine Kiste Bier kostete fünf Mark), erklärte mir Atos, das würde ich dann schon sehen. Ich wollte mir den Fünfziger wieder greifen, doch da kam plötzlich eine Faust dazwischen und meine Augenbraue war offen.
Am anderen Tag bei der Musterung auf dem Achterdeck kam dann der nächste Schreck. Auf die Frage des Oberbootsmanns, wo ich denn die Verletzung her habe, antwortete ich, dass ich mich an einem runden Rad verletzt habe. Der Oberbootsmann erklärte mir darauf, dass das kein "rundes Rad", sondern ein Feuerlöschventil gewesen sei. Und damit ich die Begriffe besser lernen konnte, durfte ich mal schnell eine Runde über Deck laufen. Zur damaligen Zeit war ich noch bestens im Saft (sportlich). Ich lief los. Die Backbordseite rauf und die Steuerbordseite runter. Nach Rückkehr von der Runde musste ich sie wiederholen, weil ich nicht in der richtigen Reihenfolge gelaufen war (Steuerbord rauf, Backbord runter).
Nach drei Tagen hatte man mich akzeptiert. Ich bekam das Wechselgeld zurück, und ich durfte mir sogar eine Koje an der Backbordseite aussuchen.
Übrigens "Reinschiff" mussten wir Neuen abends auch machen. Eine Flasche Bier war dann meistens für uns übrig. So habe ich meine ersten Tage im Heizerdeck von Zerstörer 1 erlebt.
Die Zeit danach war hart aber schön. Ich würde heute wieder auf solch einen Zerstörer gehen. Peter Buderath



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Herrliches Wetter in der Nordsee, klar zur Geschwindigkeitsfahrt. Das 1. Zerstörer-Geschwader gegen die Zerstörer der Hamburg-Klasse.
Wo wir so schön in Fahrt waren, hieß es plötzlich "Maschinen stopp!"
Bei Zerstörer Hamburg hatte sich ein Kessel verabschiedet. Ende der Show!
Wir hätten mit unserer Lady schon gezeigt, was eine Harke ist. Ja, es kommt immer auf die Besatzung an. Erwin Krause



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Jedes Mal wenn Stellenwechsel war und neue frischgebackene Leutnants an Bord kamen, meinten diese, die Besatzung erstmal militärisch auf Vordermann bringen zu müssen. Und so dauerte es nicht lange bis es mal wieder hieß, jeder höhere Dienstgrad ab Maat aufwärts ist mit den Fingern an der Mütze (Schiffchen) zu grüßen.
Da mir unser IO ja schon gesagt hatte, dass er mich als guten Versorger aber schlechten Soldaten ansieht, hatte ich damit natürlich nichts am Hut. Und so passierte es eines Morgens, dass ich (die Hände tief im Bunker verstaut) an Steuerbordseite Richtung Versorgungsschapp unterwegs war als mir ein Obermaat entgegen kam.
Es folgte der übliche Gruß "Moin, Moin", und wir taperten aneinander vorbei. Nach ein paar Metern hörte ich plötzlich wie jemand rief "Engler!", aber es gab ja keinen Herrn oder Onkel Engler an Bord, nur den Versorgungsobergefreiten Engler, also fühlte ich mich nicht angesprochen, ebenso bei einem weiteren "Engler"-Ruf. Erst als der Ruf "Obergefreiter Engler!" ertönte, bequemte ich mich, mich zu dem Rufer umzudrehen. Ich wusste ja, wer rief und so fragte ich: "Was gibt's denn, Herr Obermaat?" Und ich bekam zur Antwort: "Können Sie nicht grüßen?" Daraufhin sagte ich ihm: "Wieso, ich habe Sie doch gegrüßt", aber er meinte: "Aber nicht militärisch." Daraufhin schaute ich ihn durch meine markante Brille treuherzig an und fragte: "Wie lange kennen wir uns jetzt schon, um so einen Mist mitzumachen?", worauf er grinsend meinte: "Hast ja Recht Engler, aber wenn uns einer gesehen hätte, hätten wir beide Stress gekriegt."
Und damit war die Sache erledigt. Er wollte auch nur andeuten, dass ich wegen nichtmilitärischem Gruß und er wegen Nichtbestehen auf dem Gruß Ärger bekommen könnten.
Gottseidank schlief diese Unsitte aber jedes Mal schnell wieder ein, spätestens beim ersten Seegang wenn es darum ging "eine Hand fürs Schiff und eine Hand für sich". Wie sollte man da noch Männchen machen? Peter Engler



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Zerstörer 1 auf Teneriffa, 1966.
Ein Kamerad und ich waren von einer Familie zu Tagesausflügen eingeladen und mit dem Auto abgeholt worden. Der Gastgeber, zu der Zeit schon über 60 Jahre alt, war von Beruf Uhrmacher. Über seine Großeltern hatte er deutsche Wurzeln. Wir unternahmen einen Ausflug über Land zum Pico del teide. Die Straßen waren damals noch nicht so toll wie heute. Vor der Rückfahrt zum Schiff nahmen wir an einem Grillessen in einer kleinen Finca teil. Es gab Zicklein (kleine Ziege). Es wurde vom Gastgeber auch noch eine Einladung ausgesprochen, den Abend mit ihm in einem deutschen Club zu verbringen.
Mein Kamerad und ich wurden wieder mit dem Auto abgeholt; es ging in die Altstadt in ein Lokal. Im Clubraum befanden sich etwa 40 ältere Herrn, alle weit über 60 Jahre alt. Sie sprachen dem Wein kräftig zu. Wir (in Uniform, 1. Geige) wurden von allen herzlich begrüßt und fühlten uns wie die Größten. Nach etwa anderthalb Stunden begannen die Männer, uns zu Ehren zu singen. Als wir aus dem deutsch-spanischen Gesang aber Nazi-Kampflieder heraus hörten, verabschiedeten wir uns von dem Gastgeber und verließen fluchtartig das Lokal. Damit konnten wir uns nicht identifizieren. Unsere Angst war auch, am nächsten Tag in den Zeitungen zu stehen und dann Ärger zu bekommen. Gerd Kiepert



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1965 mit Zerstörer 1 in den USA. Am Vortag des 4. Juli, des amerikanischen Nationalfeiertages, wurden wir von der Schiffsführung aufgefordert, uns abends nicht in so genannte "Schwarzenviertel" zu begeben. Aber was störte uns das schon, wir waren jung und uns sicher, dass wir aufgrund unserer schmucken Uniform keinerlei Probleme bekommen würden. Also ging es mit etlichen Kameraden ab ins Ghetto. Wir waren sehr erstaunt als wir sahen, dass die Kirchen so gut besucht waren, dass viele Leute sogar draußen stehen mussten.
Nach einiger Zeit des Herumgehens machte sich dann aber auch der Flüssigkeitsverlust bemerkbar, und wir traten in eine Kneipe ein, die nur von dunkelhäutigen Menschen besucht war. Wir wurden freundlich aufgenommen, und es kam zu einer angeregten Unterhaltung, die aber etwas holprig war, da unser damaliges Schulenglisch doch leicht vom amerikanischen Slang abwich. Nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben hatten, wollten die Gäste vieles über unser Land erfahren und fragten auch, ob es in Deutschland so einen Rassenhass wie in den Staaten geben würde. Dies verneinten wir und wiesen darauf hin, dass z.B. in Süddeutschland viele schwarze amerikanische Soldaten stationiert seien, die mit deutschen Frauen Verbindungen eingegangen waren. Es wurde auf jeden Fall ein gemütlicher Abend, und wir hatten einiges über die Ansichten schwarzer Amerikaner erfahren. Am Wichtigsten aber war, dass wir anschließend unversehrt an Bord zurück kamen. Peter Engler



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Werftzeit Januar 1963 in Kiel.
An einem frostigen Morgen hatte ich dienstlichen Landgang, um mir Einlagen für meine Schuhe zu besorgen. Nach Erledigung des Dienstlichen hatte ich noch eine Menge Zeit bis ich wieder an Bord sein musste. Also peilte ich die Bierschenke gegenüber vom Bahnhof an. Dort war auch die Straßenbahnhaltestelle, um nach Gaarden zur HDW zu kommen. Es ging so langsam auf Mittag zu. Ich machte mich fertig, um die Tram zu erreichen. Die nötige V O hatte ich mir mit Grog beschafft, war kurz vorm Überlaufen. An der Haltestelle stand eine hübsche Frau im Pelz, die das Frieren bekam, als sie mich in meinem Kieler Knabenanzug mit dem großen Ausschnitt sah.
An Bord angekommen zog ich mein Arbeitszeug an, denn Jerry Cotton und der Wäschewagen standen auf der Pier. An Oberdeck rutschte ich jedoch aus, und meine Tellermütze ging über Bord. Ich hangelte mich an einem Tampen an der Bordwand zu meiner Mütze hinab. Als ich sie aufsetzte ging das Eis unter mir weg, und ich hing am Tampen bis zum Bauch im Wasser. Kameraden hörten meine Hilferufe und zogen mich am Tampen wieder hoch. Die Bergung des abgefüllten Lords war schnell beendet. Ich zog mir trockene Sachen an, um in der Koje meinen Rausch auszuschlafen und mich aufzuwärmen. Bei der Musterung vor dem Nachmittagsdienst wurde ich in die letzte Reihe gestellt und von zwei Kameraden festgehalten, wegen meines Seegangs. Erwin Krause



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Ich war an Bord auch als Filmvorführer tätig. Nach einem sehr wichtigen Lehrgang zu diesem Thema durfte ich nach schwerer Prüfung unseren Bell & Howell Filmprojektor bedienen. Und so führte ich u.a. auch mehrfach den Film "Frühstück bei Tiffany" vor. In ihm nervte Holly Golightly durch laute Partys ihren Mitbewohner, gespielt von Mickey Rooney (er mimte einen Japaner). Und so brüllte dieser dann durchs Treppenhaus "Miss Golightly ich plotestiele, ich lufe die Polizei!" Und so wurde, zumindest in unserem Deck, bei entsprechenden Anlässen auch lauthals "plotestielt".
Warum mir diese Geschichte so plötzlich einfiel? Als ich kürzlich, wie in jedem Frühjahr, in der Laube in meinem Kleingarten "Reinschiff" machte und die Klamotten zur Durchlüftung nach draußen brachte, fiel mir ein alter Kleiderbügel in die Hände. Er war tatsächlich noch aus Marinezeiten. Ich hatte meinen Namen (besser war das ja!) groß draufgeschrieben. Unbemerkt hatte ein Kamerad neben “REHER” noch etwas hinzugefügt, nämlich "gen. Miss Koleitly". Meine Ermittlungen führten seinerzeit zum Versorgungsobermaaten Schneider, wegen seiner Leibesfülle von uns "Los Kistos" genannt.
Ich muss mir den Film dringend besorgen. Um dann in meiner Erinnerung auf Z 1 zu sein; zu einer Zeit, die zwischenzeitlich ein Menschenleben zurück liegt. Klaus Reher



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Es war im Juli 1966 auf der Rückfahrt von Gran Canaria als Onkel Jonny mich nach der Morgenmusterung zur Seite nahm und mir u.a. sagte: "Engler, halt doch mal deine große Klappe, sonst wirst du nie Unteroffizier." Da fiel mir sofort unser IO ein, der mir 1965 während der Amerikafahrt gesagt hatte, dass er mich nicht als Unteroffizier in der Navy haben wolle. Ich entgegnete meinem Versorgungsmeister, dass mir die Arbeit als Versorger sehr viel Spaß mache, aber das militärische Drumherum mir nicht zusagen würde. (Grüße an unseren Divisionsleutnant.)
Hätte ich die Möglichkeit bekommen, nach Ende der Dienstzeit als Zivilist, wie z.B. der Schuster auf der "Gorch Fock", an Bord bleiben zu können, würde ich dies liebend gerne machen. Leider war dies aber nicht möglich. Peter Engler



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Wir waren mal wieder auf TN-Fahrt (TN = Taktische Nahaufklärung) in der Ostsee unterwegs. Nachdem wir uns bei dicker Suppe an der "DDR-Krake" vorbeigeschlichen hatten, wurden wir beim Aufklaren von der polnischen Marine in Empfang genommen, die uns dann an die russische Marine weiterreichte. Da dies unseren "Alten" nervte fuhren wir zurück und bogen südlich von Bornholm in die See zwischen Schweden und Bornholm ein, um nördlich von Bornholm wieder in die Ostsee vorzustoßen. Aber der Russe erwartete uns dort schon wieder und hatte uns immer unter Beobachtung. Also führten wir unseren Auftrag aus und machten uns dann auf den Rückmarsch. Dabei fuhren wir mit hoher Fahrstufe, was eine schöne Hecksee erzeugte. Irgendwann waren dann voraus zwei russische Schnellboote vor Anker. Anscheinend aus Frust gab der "Alte" das Kommando, direkt zwischen den beiden Schnellbooten durchzufahren. Also, mir taten die russischen Lords leid, die durch unsere Hecksee schön durchgeschaukelt wurden. Peter Engler



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Dagegen verlief die TN-Fahrt vom 13. bis zum 17. Dezember 1965 recht eintönig. Die Fahrt ging von Kiel bis zum Finnischen Meerbusen. An Bord war zu diesem Zweck ein Kaleu, der uns während der Fahrt entlang der Küste über Lautsprecher Hinweise zu den ehemals deutschen Städten und Landschaften gab. Staatsbürgerkunde mal anders.
Es war sonnig, jedoch lausig kalt. Je weiter wir uns in Richtung Nordosten bewegten, um so stärker wurde das Heck unseres Schiffes mit Eis bedeckt. Das hinderte mich aber nicht daran, nach dem Duschen zwischen dem Eispanzer umherzugehen, um mich zu erfrischen. Das rief bei einigen Kameraden Unverständnis hervor, war ich doch nur mit einem Handtuch "bekleidet". Heinz Albers



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Ich weiss nicht mehr genau wann es war, aber wir waren mal wieder bei "Schietwetter" in der Ostsee unterwegs und hatten eine gute Geschwindigkeit drauf. Plötzlich bemerkte man auf der Brücke, dass voraus ein kleineres Kriegsschiff fuhr, bei dem man aber keine Flagge erkennen konnte. Unser "Alte" muss wohl angenommen haben, daß es ein Russe war. Und im Gedenken an unsere TN-Fahrt befahl er, das Schiff zu jagen. Es war herrlich! Das kleine Schiff fuhr bei dem Wellengang Zickzackkurs und wir im Zickzack hinterher. Nach einiger Zeit sind wir aber dran vorbei und sahen dann, daß es ein dänisches Schnellboot war (ein Torpedoboot als Beutestück von der Reichsmarine). Es ist schon ein Unterschied, ob ein Boot mit ca. 40 Metern oder wir mit unseren 112 Metern Zickzack fahren. Peter Engler

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