Döneken Nr. 1 - 10


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Von uns, seiner Besatzung, wurde Zerstörer 1 mit Stolz als "Weißer Schwan der Sieben Weltmeere" bezeichnet. Die neidischen Besatzungen anderer Schiffe deuteten gelegentlich an, dass wohl eher "Die graue Sau der Ostsee" zuträfe. Der Selbsterhaltungstrieb richtete es aber so ein, dass das möglichst nicht in unserer Gegenwart gesagt wurde! Heinz Albers



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Wilhelmshaven war für uns immer ein besonderes Ereignis, bei dem sich die Heizer und Seeziegen an Land so richtig austoben konnten, ohne große Probleme zu bekommen. So lief das 1. Z-Geschwader einmal nach einem Manöver in Wilhelmshaven ein und die Lords ließen mal wieder so richtig die Sau raus. Als die deutschen neuen Zerstörer in ihrem Heimathafen einlaufen wollten wurden sie umgeleitet. Im Gegensatz Flensburg, wo wir teilweise abends nicht an die Pier durften und auf Reede ankern mussten. Hing damit zusammen, dass unsere Heizer liebend gern die Toiletten in der Stützpunktkantine abmontierten. Wenn die Bedienung in der Kantine das Mützenband "Zerstörer 1" las, gingen die Rolläden runter und der Verkauf wurde eingestellt. Schöne Erinnerungen. Peter Engler



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Eines schönen Tages liefen wir mal wieder nach Flensburg aus und kamen abends dort an. Leider waren den Flensburgern noch unsere letzten Besuche in Erinnerung und so durften wir also nicht an die Pier, sondern mussten auf Reede ankern. Am nächsten Morgen konnten wir an die Pier, durften aber den Dampfer nicht verlassen, um keine Dummheiten in der Stützpunktkantine zu machen. Das hat die Heizer natürlich geärgert. Und so kam ein Heizer zu mir und sagte, er brauche einen Umtauschschein, eine Rohrzange sei defekt und die müsse er umtauschen. Dabei zeigte er mir ein größeres in Packpapier gehülltes Paket. Also bekam er seinen Umtauschschein und wollte den Dampfer verlassen. Vom UvD wurde der Heizer aufgehalten und befragt, was in dem Paket sei. Dem erzählte er die selbe Geschichte wie mir, so dass er von Bord gehen konnte. Später wurde uns bekannt, dass mal wieder alle Toiletten in der Stützpunktkantine abmontiert worden waren. Als ich das hörte konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen, schließlich hatte ich ja indirekt mitgeholfen. Peter Engler



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Leider hatte ich beim Eintritt 1956 noch keinen Fotoapparat, da ich als Matrose (Zeitsoldat) ein Gehalt von 121,50 DM bezog. Werner Baltin



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Die Fletcher waren nicht nur damals eine Elite der besonderen Art. Sie haben auch den überwiegenden Teil der Besatzungsmitglieder lebenslang geprägt. Peter Juch



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Es wurde in der Tat bei jeder Gelegenheit bis zur Maßlosigkeit und bis zum Kollaps Alkohol in jeder Form inhaliert und das wurde intern egal ob bei den Mannschafts-Dienstgraden auch im Kreise der Maate und Obermaate nicht nur toleriert, sondern fast schon glorifizierend zelebriert. Wenn man sich zurückhielt, war das den Kameraden gegenüber beleidigend und man wurde im internen Kreis mit den absonderlichsten 'Maßregelungen' abgestraft und geschnitten. Franz Meyn



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Ich kann dem Obermaat Meyn, was das Saufen betrifft, nur zustimmen. Selbst unser Kommandant, Fregattenkapitän Hänert, hat mal gesagt "Kameraden, Ihr könnt Euch kloppen oder besaufen, das ist mir egal. Aber wenn ich Euch auf Station rufe und Ihr kommt nicht wegen dem Suff, bekommt Ihr fürchterlich einen zwischen die Hörner". Peter Engler



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Ach ja, auch das noch: eines Tages sah ich als BdW unseren Friedel in allerfeinstem Zwirn und in offensichtlich bester Stimmung an Land gehen. Als ich Stunden später erneut Wache stand, kam dieser Mensch tiefblau wie der Ozean in seiner Maßkleidung vom Landgang zurück. Aber - oh je - wie sah der Junge aus: nass und verschmutzt und in jeder Weise zerknittert! Ich hörte nur so etwas wie "... in eine Pfütze gefallen". Nach meiner Erinnerung war F. Punkt derjenige, der sich genau für diesen Tag mit "der" Telefonistin der Wehrbereichsverwaltung verabredet hatte, die wir alle wegen ihrer wunderschönen Stimme liebten. Leider jedoch soll die Frau von der WBV sich beim Treff als völlig unattraktiv erwiesen haben. Lothar Soll



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Von den Heizern wurde folgendes Begrüßungsritual entwickelt: Wenn sich zwei sahen, gingen sie aufeinander zu. Jeder nahm die Nase seines Gegenübers zwischen Zeige- und Mittelfinger und kreiste sacht mit dem Daumen über die Nasenspitze. Dabei wurde beschwörend die Formel „Bätz, Bätz“ oder „Trawisel, Trawambel“ gemurmelt. Nach wenigen Sekunden war der Spuk vorbei, und die Männer gingen auseinander als wäre nichts gewesen. Eine Verfeinerung des Rituals wurde mit dem Uhrtrawisel kreiert. Dabei wurde die Nasenspitze kreisend mit dem Glas der Armbanduhr berührt und die Formel „Uhrtrawisel, Uhrtrawambel“ beschwört. Auch Nicht-Heizer kamen gelegentlich in den Genuss dieser Zeremonie. Das wäre mal ein Thema für Soziologen (oder Zoologen?). Heinz Albers



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Als das 1. Zerstörergeschwader am Mittwoch,10. November 1965 um 23.00 Uhr zur U-Jagd in die Biskaya aufbrach, musste Z 1 leider wegen Maschinenschadens an der Pier in Kiel liegen bleiben. Als am 13. alles repariert war düsten wir um 6.00 Uhr durch den Nord-Ostsee-Kanal hinterher und erreichten Brest am 15. um 8.00 Uhr zur Ölübernahme. Direkt danach ging es in die Biskaya, wobei Z 2 und 3 uns in Höhe von "Cap Finster" (ich weiß, dass es Cap Finisterre heißt) entgegen kamen, da sie Schäden haben sollten. Wir mussten aber wegen der Manöver mit den Franzosen raus, und die Biskaya empfing uns von ihrer unbequemen Seite. Ein Orkan hatte sich für uns aufgespart.
Ich war im Versorgungsschapp und saß am Schreibtisch vom Proviantmeister, als ich hinter mir ein Würgen hörte. Es war der Versorger Klatt. Ich habe nur geschrien: "Raus hier, bevor Du alles vollkotzt." Er haute auch sofort ab. Direkt danach hörte ich von draußen Gebrüll. Das war der Proviantmeister. Als er reinkam sagte er: "Diese Sau hätte mir beinahe voll in die Fresse gekotzt" und meinte Klatt damit. Wie die Z 1 - Fahrer wissen, lag der Eingang zum Versorgungsschapp geschützt hinter Aufbauten an der Steuerbordseite, und gerade in dem Augenblick, als Klatt im hohen Bogen das Essen aus dem Gesicht fiel, kam der Proviantmeister um die Aufbauten herum.
Kurze Zeit später kam Klatt zurück und steckte sich sofort eine Zigarette an. Ich sagte ihm, dass er das Rauchen sein lassen, sich lieber bei den Smuts ein Paket Zwieback besorgen und sich mit diesem in die Koje verziehen sollte. Er konnte aber nicht hören und so würgte er kurze Zeit später wieder. Er verdünnisierte sich abermals zum Fische füttern und war danach bis zur Rückkehr nach Brest nur noch in der Koje anzutreffen. Ein netter Kamerad, aber bei der Marine eine totale Fehlbesetzung, wie der Versorger Immega. Beide litten fürchterlich unter der Seekrankheit. Ende vom Lied, ich bekam in Kiel neue Kameraden.

Beim Sani Hermann Marken fiel mir spontan ein, dass er, als wir Anfang Februar 66 von Teneriffa zurückkamen in Brunsbüttelkoog einen Brief von seiner Freundin bekam dessen Farbe ihm sagte, dass er Vater würde. Er wollte daraufhin unbedingt Bier haben.

Der Sani Wastlhuber war als Bayer ein absoluter 1860-Fan und sauste immer, wenn die 60er gewonnen hatten über den Dampfer und brüllte "achtundfuchzig, neunundfuchzig, sechzig". Peter Engler



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Von der Seekrankheit war ich nur indirekt betroffen. Mitte Mai 1965 waren wir mit Z 1 auf Amerikafahrt. Kurz bevor ich die Cafeteria zum Backen und Banken erreichte kam mir ein Lord entgegen, der Mühe hatte, sein Erbrochenes zurückzuhalten. Laut prustend und würgend, die Hände an den Mund gepresst kam er mir mit schnellen Schritten entgegen. Auf dem schmalen Gang gab es keine großartige Ausweichmöglichkeit. Ein glücklicher Zufall fügte es aber, dass er gerade noch vor mir sein soeben eingenommenes Mittagessen in einem hohen Bogen von sich gab. Äußerst knapp konnte ich der vollen Ladung entkommen. Nur etwas geriet an mein Takelpäckchen und auf meine Schuhe.
Der große Appetit war mir nach diesem Erlebnis natürlich genommen. So stocherte ich nur lustlos in dem Essen herum, auch weil ich diesen aufdringlich säuerlichen Geruch in der Nase hatte. Dann rumorte es auch bei mir fürchterlich im Magen, und der Speichel lief mir im Munde zusammen. Panikartig flüchtete ich vom Mittagstisch und eilte in Richtung Oberdeck um die Fische zu füttern. Die alte Seemannsweisheit "Kotzt du in Lee, geht es in die See, kotzt du in Luv, kommt es wieder ruff" hatte sich bei mir noch nicht eingeprägt. Ich war froh, dass ich mit prall gefülltem Mund die Reling erreichen und einen gewaltigen Schwall von mir geben konnte. Leider wehte ein strammer Südwind, der meine Ladung postwendend zurückblies. Davon wurde nicht nur ich besprüht, sondern auch ein hinter mir vorbeigehender Leutnant. Paul Eilebrecht



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Die meisten Seefahrer werden seekrank, mal mehr, mal weniger. Einige werden nie von dieser Seuche befallen. Ich jedenfalls wurde seekrank!
Bevor ich bei der Bundesmarine anheuerte war ich bereits bei der "christlichen" Seefahrt auf den Meeren unterwegs. Auf der Fahrt mit der Greiffenfels von Bremen in Richtung Indien erhielten wir bei Windstärke 10 in der Biscaya eine querlaufende See, die für meine erste Seekrankheit verantwortlich war. Drei Tage litt ich darunter und lag krank in meiner Koje. Und wieder einmal in der Biscaya, diesmal mit Geleitboot Köln Richtung Lissabon: Unter anderem ein Tag Kriegsmarsch mit ABC-Alarm. Das hieß "alle Schotten dicht." Tag und Nacht waren gleich, dazu die Luft zum Zerschneiden. Was für ein Mief! Auf einer Wache waren alle seekrank und gemeinsam kotzten wir einen 20-Liter-Eimer voll. Später waren wir aber relativ seefest. Herrlich!
1965 auf Zerstörer 1 in der Ostsee/Nordsee vor Norwegen. Im April war ein großer Teil der Besatzung ausgewechselt worden. Die Neulinge wurden mit Übungsfahrten in die Ostsee auf Trab gebracht. Bei gelegentlichen Sturmböen mit den kurzen Wellen der Ostsee schwankte Z 1 schon enorm. Beim Backen und Banken war dann die Messe relativ leer; tagelang. Natürlich legten die Smuts den Gummiadler auf. "Willst Du noch einen?" Bestimmt hatte da einer gut gerechnet!
Aber dann, etwas nach dem Mann-über-Bord-Desaster vor Norwegen (siehe Döneken 13 und 13a) hatte es mich noch mal erwischt. Ich trank jedenfalls nur Cola. Der Magen war leer, und ich hielt mich auf der Back auf. Der Längsgang nach achtern war durch ein Schott abgetrennt. Als mir übel wurde, kotzte ich fachgerecht mit dem Wind über die Reling (Steuerbord). Die Cola wurde vom Sturm und dem Fahrtwind erfasst, nach unten gezogen und hinter dem Schott wieder an Bord geblasen. Hinter dem Schott standen 6 bis 8 Seeleute. Und die bekamen den in tausend Tropfen zerstäubten Schwall auf die Kleidung und ins Gesicht. Wie konnte ich das ahnen? Als die Kameraden entrüstet das Querschott öffneten, kam ihnen jedenfalls ein freundlich grüßender Funker vom Vorschiff her entgegen. Ich hatte jedenfalls keinen Verdächtigen gesehen. Braune Punkte überall.
Danach wurde ich nicht mehr seekrank. Peter Zier



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Geschrieben am 19.11.1965 in Brest: Am Dienstag (16.) hatte sich in der Biskaya ein wunderbares Sturmtief entwickelt, auf das wir direkt zusteuerten. Ein Orkan wurde es, der Zerstörer 1 zwei Tage durchschüttelte! Was dann an Wellen, Wasser und Sturm auf uns zukam, kann ich gar nicht beschreiben. Dreiviertel der Besatzung stand grüngesichtig an der Leereling; sie war Opfer der Seekrankheit geworden. Und der Ozean spielte Achterbahn mit uns und versuchte, unser Schiff zu zerbrechen.
Von den sechs Zerstörern und den zwei U-Booten, die an diesem Manöver teilnahmen, blieben nur unser Schiff, ein französischer Zerstörer und ein französisches U-Boot auf See. Alle anderen Schiffe mussten zu ihrer Sicherheit schützende Häfen anlaufen. Heinz Albers

Eine realitätsnahe Geschichte über eine Sturmnacht auf Zerstörer 1 hat Lothar Soll verfasst. Diese Story sollte man lesen.



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Auszug aus einem Brief in die Heimat, geschrieben am 15.07.1965 in der Chesapeake Bay (USA): Am 11.7. (Sonntag) gegen 22.30 Uhr ist ein amerikanisches Flugzeug, besetzt mit 19 Soldaten, im Westatlantik niedergegangen. Über Funk erreichten uns erst vier Stunden später die Meldungen. Sofort nahm Z 1 Kurs zur Unglücksstelle auf und erreichten sie gegen 10.00 Uhr am 12. Ein paar Menschen trieben nach und nach auf uns zu. In einer dramatischen Aktion gelang es uns, neun Menschen aus dem Meer zu bergen. Davon waren sechs schon lange tot; sie trieben in ihren Schwimmwesten hängend im Wasser. Drei Soldaten lebten noch. Übel spielt uns an diesem Tag das Wetter mit. Starker Nebel verringerte die Sichtweite auf etwa 60 Meter. Es war auch kühl geworden; der Atlantik hatte nur eine Temperatur von 14 Grad. Die See jedoch war ungewöhnlich ruhig, fast spiegelglatt. Das war ein schrecklicher Tag! Heinz Albers

Berichte und Details zu dem Flugzeugabsturz gibt es hier



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Wir Versorger hatten auch Wolldecken in unserem Wäschebestand. So kam es, dass, als die Überlebenden des Flugzeugabsturzes an Bord kamen und in die Offizierskammern gebracht wurden, von uns Wolldecken ausgegeben wurden, um die unterkühlten Flieger darin einzupacken und durch Rubbeln wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Einer der Flieger hatte einen offenen Schienbeinbruch (d.h. dass das untere Ende des Knochens durch die Haut nach außen gedrungen war). Er muß durch das Seewasser höllische Schmerzen gehabt haben. Bei ihm dauerte es sehr lange, bis er wieder ansprechbar war. Ich selbst erhielt den Auftrag, einen Leutnant zu betreuen und aufzuwärmen. Als der wieder vollkommen klar war fragte er mich nach der Uhrzeit und erzählte mir, dass er ungefähr eine Stunde vorher noch mit allen seinen Fliegerkameraden Rufkontakt hatte, Sichtkontakt war wegen der dicken Suppe nicht mit allen möglich.

Ich bin heute noch der Überzeugung, dass die Flieger, wenn sie gleichartige Schwimmwesten wie wir gehabt hätten, alle hätten überleben können. Denn unsere Schwimmwesten hatten noch einen zusätzlichen Gurt, der durch den Schritt ging und somit ein Durchrutschen nach unten verhinderte. Außerdem waren unsere Schwimmwesten so konstruiert, dass selbst bei Ohnmacht durch Unterkühlung der Kopf über Wasser gehalten wurde. Peter Engler



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Als wir über Sinn und Anwendung der Schwimmwesten unterwiesen wurden, kam natürlich auch der Gurt, der durch den Schritt ging, zur Sprache. Unsere Bedenken, dass dort "etwas Empfindliches" eingeklemmt werden könne, wurde mit der Bemerkung abgetan, dass "die Teile alle beweglich angeordnet" seien. Ich hab's glücklicherweise nie darauf ankommen lassen müssen. Heinz Albers

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