Die aktuellen Geschehnisse
in der Türkei.

Von Heinz Albers


Wir haben die Menschen in der Türkei während unserer vielen Reisen stets als außergewöhnlich freundlich, liebenswert und hilfsbereit kennengelernt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Auch in Zukunft wird diese markante Charaktereigenschaft Merkmal vieler dieser Menschen sein.

Um so dramatischer wirkt sich die Unruhe auf viele Türkinnen und Türken und auf die Touristen aus:
Terroranschläge mit vielen Toten und Verletzten, bürgerkriegsähnliche Zustände im Südosten des Landes, fragwürdige Massenverhaftungen. Einschränkung der Bürgerrechte und autoritäre Entscheidungen der türkischen Regierung haben das Vertrauen der westlichen Welt in das Reiseland Türkei zutiefst erschüttert.
Aus den touristischen Reisezielen entlang der Mittelmeerküste wurden bisher keine sicherheitsrelevanten Ereignisse gemeldet, bei denen ausländische Touristen zu Schaden gekommen sind.

Ein Hotelier schrieb uns vor einigen Tagen:
"... in 2016 haben wir die schwierigste Touristik-Saison aller Zeiten hinter uns gelassen."

Es wird aber vermutlich noch schlimmer kommen:
Einer der größten Reiseveranstalter für Türkei-Reisen, RSD, hat 2017 die Türkei komplett aus dem Programm genommen. Diverse Kreuzfahrtlinien und Kleinunternehmer folgten der Entscheidung.
Über eine Millionen Touristen aus Westeuroopa werden dadurch den Menschen vor Ort fehlen. Vermehrt kommen jedoch wieder Leute aus Russland. Es wird aber bezweifelt, dass diese die große Lücke vollständig werden kompensieren können.Tatsache ist, dass viele Hotels geschlossen haben und Personal entlassen worden ist.
Die Aussichten sind insgesamt düster. Die Investitionen gehen ebenfalls zurück. Grund ist nicht nur die sich ständig verschärfende Sicherheitslage, sondern auch die fehlende Rechtssicherheit einer sich immer mehr vom Westen trennenden Regierung. Bezeichnend für die desolate türkische Politik ist, dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan das Feuer des Hasses schürt, indem er wie in einem Rundumschlag Europäer pauschal beleidigt.

Aber: Die Türkei ist ein sehr schönes Land mit netten Menschen. Sie ist nicht Erdoğan! Viele Türken können die politische Situation sehr wohl richtig (in unserem Sinne) einschätzen, obwohl gleichgeschaltete Medien regierungsfremde Informationsquellen haben versiegen lassen. Das wirksame Korrektiv "Demonstrationen des Volkes" ist außerdem ausgehebelt. So wird aus dem angestebten Präsidialsystem (das es ähnlich auch in Frankreich und den USA gibt) schnell eine Autokratie oder gar eine Diktatur.
Das Referendum hatte am 16.04.2017 eine knappe Mehrheit für Erdoğans Ziele ergeben.

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Von einem traurigen Tag für die Türkei schreibt die englische
"The Times"
(Quelle: tagesschau.de):
"Dies ist ein trauriger Tag für die Verbündeten der Türkei und ein noch traurigerer Tag für die Türkei selbst, die die größte Volkswirtschaft im Nahen Osten ist sowie seine stärkste Militärmacht und seine kulturelle und geografische Brücke zum Westen. Erdoğan hat einiges Gutes für sein Land getan. Als er 2003 erstmals zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, erbte er einen Staat, der schon seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten zu Recht als kranker Mann Europas galt. Innerhalb von zehn Jahren zügelte er die Inflation der Lira, ordnete die Staatsfinanzen und liberalisierte die Märkte. Doch je mehr Erdoğans Macht wuchs, desto despotischer setzte er sie ein."
In den vergangenen vier Jahren sei seine Herrschaft gekennzeichnet durch eine ungestüme und untaugliche Außenpolitik, eine Politik der Spaltung (im Inneren) sowie durch Verfolgungswahn.
"Seit er 2013 eine Welle von Protesten niederschlug, wobei elf Menschen umkamen, hat er mehr als ein Dutzend Abgeordnete und 80 Journalisten eingesperrt, 184 Medien geschlossen und er hat - nachdem er einen mysteriösen gescheiterten Putsch knapp überlebte - den Staat einer umfassenden Säuberung unterzogen. Das Referendum war die Kulmination und der Inbegriff dieser Entwicklung."
Zitat Ende.

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Zigtausende Unschuldige, Andersdenkende, Oppositionelle wurden während der vergangenen Monate verhaftet und ihrer Berufe enthoben. Viele Menschen sind in Gefängnisse gesteckt worden, das Leben ihrer Kinder und Frauen wurde zerstört. Erdoğan hat offensichtlich jeden Bezug zur Realität verloren.
Zuletzt gab es im Juli 2007 eine Verhaftungswelle von der 7000 Menschen betroffen waren.
Im selben Monat gab es aber auch eine Demonstration! Hunderttausende Gegner Erdoğans marschierten nach Istanbul! Er lebt also noch, der politische Widerstand. Und das lässt hoffen.

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Man sollte die Menschen in der Türkei mit ihren Nöten in dieser Zeit des politischen Umbruchs nicht allein lassen.
Wenn Erdoğan nicht mehr ist, geht traditionell auch seine Regierungspartei ins Nirwana. Das war in der Türkei bisher immer so. Ein Neubeginn ist also irgendwann zu erwarten. Jetzt hektisch alle Verbindungen der Türkei zu westlichen Organisationen voreilig infrage zu stellen, ist sicher überzogen und zeugt von politischer Kurzsichtigkeit. Dadurch wäre nur eine Stärkung der radikalen Kräfte in Deutschland erreicht.
Die Türken aber müssen immer wieder daran erinnert werden, dass die internationale Anerkennung des Staates ein Verdienst des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk ist. Erdoğan aber wird die Tür in Richtung Mittelalter aufreißen und Volk und Land aus einer modernen und aufgeklärten Wertegemeinschaft entfernen und sich selbst als neuer Held der Türken feiern lassen.

Eventuelle Risiken hinsichtlich einer Reise in die Türkei sind in der Website des
Auswärtigen Amtes aufgeführt.


Gedankenwechsel.

Der Schriftsteller Peter Bamm hat diese nette Geschichte 1955 geschrieben:


"Ein Fremder ist für einen rechtläubigen Moslem eine Gabe Allahs. Offenbar hat dieser Mensch Geld; aber statt dass er sich, um sich Allahs Güte würdig zu erweisen, vor sein Haus in die Sonne setzt oder sich eine zweite Nebenfrau nimmt, was doch auch schon genug Ärger macht, reist dieser Mensch umher.

Die Rechtgläubigen ziehen daraus den vernünftigen Schluss, dass Allah diesem Menschen den Sinn verwirrt hat.

Ist der Fremde geizig, so werden die Kinder Allahs böse, aber keineswegs, weil sie habgierig, sondern weil sie fromm sind. Hat der Fremde hingegen mit dem Bakschisch eine leichte Hand, ist Allahs Weisheit Genüge getan, und der Fremdling wandelt auf einem Blumenteppich orientalischer Liebenswürdigkeit durch das Land."

Das Zitat von Peter Bamm habe ich dem Buch "Frühe Stätten der Christenheit"  (Kapitel "Groß ist die Diana der Epheser") entnommen.
© Kösel-Verlag, München.
ISBN 978-3-4661-0005-7

Zur Website "Türkei" mit zahlreichen Aufsätzen und 1200 Fotos.
 

Für weitere Informationen:
Mein ultimativer Reiseführer ist das Dumont Reise-Handbuch
"Türkei Westtürkei und Zentralanatolien".
520 Seiten, separate Reisekarte, 24,99 €;
ISBN 978-3-7701-7794-3