Die scharfen Italienerinnen

Auszug aus der Kurzgeschichte von

 Heinz Albers

 

(Die vollständige Geschichte können Sie in meinem Buch lesen)

 

 


Nachts mit der Bahn fahren, morgens in Mailand ankommen, den Tag in dieser schönen Stadt zubringen, nachts mit der Bahn fahren, morgens in Marseille ankommen, den Tag in dieser interessanten Stadt zubringen, nachts mit dem Schiff fahren, morgens doch noch lebend in Ajaccio ankommen – Ferien! Vier Wochen Korsika!

Diese vier Wochen brauchte ich auch, um mich von den pudelkernigen Aussagen der obigen Zeilen zu erholen.

Nachts in lauten, unklimatisierten Zügen schlaflos im Sitzen fahren, tagsüber mit qualmenden Füßen über die heißen Pflastersteine der Städte laufen, und eine Sehenswürdigkeit nach der anderen pflichtschuldigst abhaken, das ist harte Arbeit.

Es gibt aber immer wieder Ereignisse, die Aufenthalte interessant und Zugfahrten zu einem Erlebnis werden lassen, die Erinnerungen herstellen und Zeit mit Sinn füllen.

***

Hinfahrt. Italien, Juli 1962.

Zwölf Stunden Aufenthalt in Mailand.

Man kennt die Tour: ein imposanter Bahnhof, Leonardo da Vinci, die Galerie, der Dom, die Scala, Architektur, Sonnenschein. Und dann war da noch Graziella Bizzi.

Auf dem Domplatz stand sie; schlank und dunkelblond mit glühend dunklen Augen. Wir waren beide jung und kamen schnell ins Gespräch. Smalltalk kannte man damals noch nicht. Italienisch ich nicht. Englisch beide genug.

Wir gehen etwas spazieren, in den nahe gelegenen Park. Es ist warm, ich schwitze in meinem weißen, neumodischen Nyltest-Hemd.

Wir nehmen uns erst scheu und flüchtig, fast versehentlich an die Hand. Wir schlendern dahin und finden uns nett.

Sie drückt ihre Finger zwischen meine, als hätten sich zwei fremde Hände zu einem Gebet gefunden. Ausgelassenes Loslassen und Entfernen, dann eilig mit gierigen Fingern sich wieder finden und sich mit offenem Blick ansehen.

Wir erzählen von uns und unseren Plänen.

Immer wieder drückt sie meine Finger, sieht mich mit großen Augen an, und ihr Busen berührt wie zufällig aber immer wieder meinen Oberarm. Glühende Wangen, hämmernder Puls. Tiefe Blicke. Übermütiges Lachen.

Es war hell und voll, überall Menschen; keine Chance für Heimlichkeiten in diesem sittenstrengen Lande.

Abseits in einer Trattoria ein Gläschen Roten. Adressentausch. Händchenhalten. Verliebtsein.

Dann war rasend schnell die Abfahrtzeit des Zuges in Richtung Frankreich da. Da war es zu spät, keine Zeit mehr, sich irgendwo finden zu können.

Plötzlich auf dem Bahnsteig doch noch ein flüchtiger Kuss, eine winzige Berührung. Schwüre von Wiedersehen und Briefen. Zärtlich italienische Worte mit heißem Atem ins Ohr geflüstert. Umarmung. Schrillende Trillerpfeife, zuknallende Türen, der Zug fährt ab. Winken. Vorbei.

***

Rückfahrt con variazione: Nizza statt Marseille.

Italien Ende August.

Zehn Sunden die Nacht über auf dem harten Stahl des Oberdecks des betagten Dampfers "Sampiero Corso" zwischen Ajaccio und Nizza nur gedöst. Mehr war mit einem Ticket für die 4. Klasse nicht möglich.

Ticket Sampiero Corso   "Sampiero Corso" im Hafen von Ajaccio

Mein Ticket und das Schiff "Sampiero Corso" im Hafen von Ajaccio.

 

Dann mit der Bahn mittags von Nizza nach Monaco und nachts von dort abermals eingepfercht sitzend mit dem Zug über Genua nach Mailand gefahren. Ankunft kurz vor acht Uhr morgens. Müde und hungrig wie ein Wolf fiel ich halb besinnungslos aus dem Zug.

Alle Geschäfte in der Stadt waren noch geschlossen. Also lenkte ich meine Schritte zum Dom, um auf den Stufen des Denkmals vom alten Vittorio

Vittorio-Denkmal, Milano - Heinz AlbersNationaldenkmal für König Vittorio Emanuele II.

etwas Zeit zu vertrödeln. In Nizza hatte ich nur ein Stückchen Baguette, eine Ecke La vache qui rit und etwas Pastete aus der Dose gegessen, denn die Reisekasse zeigte Ebbe an.

In Gedanken war ich schon lange an diesem kleinen Laden mit der etwas blinden Schaufensterscheibe, den ich vorher gesehen hatte und der noch nicht geöffnet war. Um 10.00 Uhr, so war auf einem grauen Pappschild zu lesen, werde der Laden geöffnet, der so appetitliche Sachen im Schaufenster hatte: Küchlein. Rote, süße, saftige Kuchenschnitten.

Süßer Kuchen

 Etwas Milch dazu. Das würde genügen, um meinen Hunger zu stillen. Und dafür dürfte das Geld noch soeben reichen. Vorfreude macht sich breit; mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Das süße, fruchtige Backwerk wird mir gut tun und das Knurren aus meinen Eingeweiden entfernen.

Eine Stunde noch bei Vittorio ausharren! Wie zäh doch die Zeit verging!

Frühzeitig war ich da und lechzte nach den Leckereien. Endlich öffnete eine alte Frau in Schwarz, und ich stolperte die drei Stufen hoch. Mit einem Finger wies ich auf den süßen Kuchen mit dem roten Belag, orderte die Flasche Milch, kratzte die letzten Münzen zusammen, bezahlte und verließ das Geschäft.

Auf dem Gehweg wickelte ich sofort hastig und oberflächlich den Kuchen aus. Voller Gier und Heißhunger biss ich in dieses traumhaft süße Backwerk und machte Bekanntschaft mit kalter, scharfer Fischpaste auf salzigem Teig. In einem hohen Bogen spuckte ich das Undefinierbare aus, schüttelte mich heftig vor Ekel, fluchte vor mich hin und war für den Rest des Tages satt. In was hatte ich da bloß gebissen? Lange Zeit danach erst erfuhr ich es, dass das mein erstes Zusammentreffen mit einer kalten Pizza gewesen war. Erst Jahre später, 1969 am Lido in Venedig, hatte ich dieses Gericht wieder zu mir genommen – allerdings anfangs sehr vorsichtig und mit Bedacht.

Heute weiß ich eine gut zubereitete Pizza sehr zu schätzen. Unten ein knuspriger, dünner Teig, oben ein reichhaltiger Belag mit passenden Kräutern und Gewürzen. Dazu ein leichter Rotwein und in der Erinnerung Mailand im Sommer 1962 mit den scharfen, doch sehr unterschiedlichen Italienerinnen. Das hat schon was…

Heinz Albers, im Januar 2005 

 


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