Wanderung zwischen den Welten
Koh Chang (Thailand)

Kurzgeschichte von © Heinz Albers

Zugegeben, die Anreise nach Koh Chang ist beschwerlich. Fünf Stunden dauert die Fahrt mit dem Auto von Bangkok auf diese Insel im äußersten Südosten Thailands. Es lohnt aber, die Strapazen auf sich zu nehmen, denn Koh Chang gehört im Frühjahr des Jahres 2003 noch zu den paradiesischen Inseln, auf der die Welt noch in Ordnung ist. Weite, saubere und mit Palmen bewachsene Strände, klares Wasser, ein zuverlässiges Klima und anständige, liebenswerte Menschen prägen dieses Bild.

Man muss die Reise ja nicht unbedingt so gestalten wie jener Backpacker, den wir nachmittags bei Horst sahen. Wir hörten, er sei schon einige Monate in Südostasien unterwegs gewesen und erst heute mit einem Truck von Laos heruntergekommen; habe in Bangkok keine Pause machen können. Er habe für die Weiterfahrt nur einen unklimatisierten Bus 2. Klasse bekommen. Mit ihm sei er an die sechs Stunden nach Süden gefahren, das aber nichts war zu dem, was er vorher auf dem Truck durchgemacht hatte. Mehr als zwanzig Stunden habe er dort in dem überladenen Holztransporter sitzen müssen. Sein Kreuz können von jedem Schlagloch auf der Straße ein Lied singen. Er begab sich anschließend in Laem Ngob, auf dem Festland vor der Insel Koh Chang, auf eine Fähre, gönnte sich für die Weiterfahrt ein Pritschentaxi und war nun völlig aufgelöst hier in dem Restaurant am White-Sand-Beach. So stand der etwa vierzigjährige Englisch sprechende Mann dampfend und etwas atemlos neben seinem Rucksack in dem Raum, als wäre er die ganze Strecke in der Hitze gelaufen und geschwommen und bestellte bei Horst ein kaltes Bier. Das trank er ohne abzusetzen aus, wischte sich mit dem Handrücken die Feuchtigkeit von den Lippen, atmete tief durch, lächelte und orderte während er sich an einen Tisch setzte sogleich ein weiteres Bier.

Er sah sich um, sein verschwitztes ärmelloses Hemd klebte an ihm, die etwas zu langen Nackenhaare bewegten sich mit einem Schwung, wenn er seinen Kopf drehte. Aus seinem unrasierten Gesicht blitzen zwischen Lachfalten blaue Augen auf. Nein, so gab er Horst zu verstehen, dieses sei nicht sein Ort; er wolle mehr Ruhe haben. Hier gäbe es doch zu viel Betriebsamkeit. Wohin er sich orientieren solle? Horst empfahl ihm den Lonely Beach, etwa 15 Kilometer südlich von hier.

Mit geübten Händen drehte der Mann sich eine Zigarette, zündete sie mit einem Feuerzeug an, machte einen tiefen Zug bis in die äußersten Winkel seiner Lunge und atmete den Rauch durch die Nase aus. Mit der Zungenspitze stieß er ein kleines Tabakstückchen durch die Lippen hinaus auf den Boden. Er sah sich um und bemerkte erst jetzt uns, obwohl wir die ganze Zeit über nur zwei Meter von ihm entfernt an einem benachbarten Tisch saßen. Woher wir kämen, wo wir wohnten und ob es uns hier gefiele, wollte er von uns wissen und ob wir den Lonely Beach kennen würden. Während er dies sagte, nahm er sein Glas und die Rauchutensilien und kam zu uns an den Tisch. „John“, sagte er und blickte uns an. Ja, wir waren einmal an dieser kleinen Strandbucht, berichteten wir ihm und ergänzten ungefragt, dass der White-Sand-Beach doch um einiges schöner sei. Allerdings, fügten wir hinzu, sei der Tourismus hier stärker als an den anderen Stränden im Süden der Insel entwickelt. Das habe er, entgegnete er uns, schon bemerkt. Nein, bestärkte er abermals seine Auffassung, hier wolle er nicht bleiben. Eine kleine Palmhütte an einem ruhigen Strand würde ihm genügen. Auf Umgang mit Menschen sei er nicht aus. Wenn sich abends am Feuer zu ihm Gäste gesellen würden, wäre das in Ordnung; man könne dann ein paar Bier miteinander trinken und Erfahrungen austauschen. Nur einige Tage wolle er auf Koh Chang bleiben und sich erholen von den vergangenen Strapazen in Burma, China, Vietnam und Laos. Bevor er nach Neuseeland zurückkehre wolle er sich noch etwas in Kambodscha umsehen. Vielleicht sähe man sich ja mal wieder. John stand auf, legte Geld für seine Getränke auf den Tisch, schulterte das Gepäck, grüßte und ging hinaus auf die Straße.

Wir waren von dem plötzlichen Aufbruch des Mannes etwas irritiert. Horst kam zu uns und sagte, dass er diesen Typ von Menschen häufig hier sähe; er kenne sie und ihre Wünsche. Aussteiger, Menschen auf der Flucht vor sich selbst, Gratwanderer seien es. Ein Geschäft mit ihnen sei nicht zu machen. Deshalb würden sie von ihm stets den Tipp bekommen, sich am Lonely Beach umzusehen. Dort sei es ursprünglicher und noch mehr so wie vor ein paar Jahren, als Koh Chang nur von Aussteigern und Hippies besucht wurde, als das Prädikat „Paradies“ noch absolute Gültigkeit hatte. Heute könne man mehr und mehr die Zunahme an Touristen, auch von solchen, die mit Koffern anreisten, bemerken, die sich um die Kultur des Gastlandes einen Dreck scherten. Hotels würden aus dem Boden gestampft. Alles sehr zu seiner Freude, denn er sei Geschäftsmann und müsse zusehen, dass sein Restaurant floriere. Das sei mit Backpackern nicht zu erreichen. Allerdings, fügte Horst hinzu, habe er hinsichtlich der weiteren Entwicklung auch seine Bedenken.

Noch habe sich auf der Insel eine relativ heile Welt erhalten. Prostitution und harte Drogen seien unbekannt. Es sei aber zu erkennen, dass die internationalen Touristikkonzerne und Aufkäufer die Insel entdeckt haben. Wenn demnächst die Touristenbomber gegenüber auf dem Festland auf dem neuen Flughafen von Trat landeten und Hinz und Kunz des europäischen Primitivkartells auf der Insel ablüden, dann würde alles Negative, wie es von Phuket und anderswo bekannt ist, auch hier Einzug halten. Damit wäre wieder ein Flecken Schönheit und Unberührtheit unwiederbringlich von unserem Planeten verschwunden. Koffer voll mit Dollars und korrupte Politiker werde diesen Menschen gefällig sein. Und wir bemerkten deutlich, dass Horst bei diesen Worten traurig wurde, denn er hatte die Insel vor vielen Jahren kennen und lieben gelernt und alle Veränderungen Jahr für Jahr kritisch beobachtet; das Gewinnstreben des Kaufmanns war plötzlich von ihm gewichen. Einen kleinen Vorgeschmack auf die künftige Entwicklung könne man heute schon erleben, fuhr er sich ereifernd fort, wenn Tagesausflügler aus Pattaya angekarrt werden. Diese Menschen seien nach einigen Stunden Anwesenheit völlig verstört und unglücklich, weil sie kein Rotlichtviertel vorfinden, mit sich nichts anzufangen wissen und froh sind, wenn sie sich endlich wieder im Touristenrummel austoben können, bevor sie in ihrer Heimat von neuem in die Namenlosigkeit von Nobodies versinken müssen. Hier hielt er inne, schaute auf seine Füße, stand einen Moment regungslos an unserem Tisch, atmete dann tief durch, drehte sich um und ging in die Küche.

Wir waren froh, die Insel noch kennen gelernt zu haben - an der Grenze zwischen Paradies und Absturz.

Die vollständige Geschichte ist in meinen Büchern veröffentlicht.

 


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